Verleger zwischen Lebensreform, Avantgarde und Parteidoktrin
1928 geriet ein Buch aus Rudolstadt zur Sexualaufklärung ins Visier der Staatsanwaltschaft. Sie ermittelte gegen den Arzt Max Hodann und seinen Verleger Karl Dietz wegen eines Sittlichkeitsdelikts. Dietz antwortete mit einer Streitschrift: „Unzucht! Unzucht! Herr Staatsanwalt!“ Der Prozess erregte Aufsehen und brachte Teilerfolge für die Meinungsfreiheit; Beschlagnahmen und Kosten trafen den Greifenverlag hart.
Dietz, 1890 in Neumarkt in der Oberpfalz geboren, hatte in Stuttgart den Buchhandel gelernt und vor dem Krieg den Wandervogel-Gau Schwaben geleitet. Im Ersten Weltkrieg diente er als Sanitätsfeldwebel. 1920 übernahm er die Geschäftsführung eines Verlags aus der Jugendbewegung; nach Streitigkeiten gingen dessen Rechte in seinen Besitz über. 1921 brachte er das Unternehmen nach Rudolstadt, zunächst in die Schillerstraße (Hausnummer 41), 1926 auf die Heidecksburg. Dort ließ er sehr verschiedene Stimmen zu Wort kommen.
Gegensätze im Programm
Lebensreformerische und völkische Schriften standen neben Texten linker Autoren wie Johannes R. Becher und Paul Zech. Mit dem Grafiker Wilhelm Geißler gab Dietz expressionistischer Buchkunst Raum. Hodanns Aufklärungsbücher wiederum provozierten Behörden und Kirchen.
Dann verengte sich sein Spielraum. Die Weltwirtschaftskrise zwang Dietz zu Einschränkungen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er wegen seiner linken Autoren und sexualreformerischen Titel zeitweise inhaftiert, sein Verlag geschlossen. Seine linken Titel wurden verbrannt. Dietz versuchte, das Unternehmen zu retten. Seine Aufnahmeanträge zur NSDAP wurden abgelehnt; 1934 wurde er förderndes Mitglied einer SS-Standarte. Nun erschienen vor allem Ansichtskarten und Heimathefte. 1939 schloss ihn die Reichsschrifttumskammer aus und entzog ihm damit die Grundlage seiner Arbeit. Erst 1942 wurde der Ausschluss aufgehoben. Unter dem Namen Christoff Dietrich veröffentlichte er zudem Schriften über das Pendeln.
Zwei Verlage, ein Name
Nach 1945 erhielt Dietz eine sowjetische Lizenz und führte den Greifenverlag als Privatbetrieb weiter. Er trat 1946 der SED bei. Als diese 1947 ihren Berliner Parteiverlag gründete, wurde sein Name gebraucht: Die Partei wollte an den älteren sozialdemokratischen Verlag J. H. W. Dietz anknüpfen, stieß dabei aber auf rechtliche Hürden. Karl Dietz wurde Mitgesellschafter der neuen Dietz Verlag GmbH, ohne sie zu leiten. Sein eigener Verlag blieb in Rudolstadt.
Dort erschienen nun Bücher von Lion Feuchtwanger, Victor Klemperers „LTI“ und Werke weiterer Autoren aus Exil und innerer Opposition. Sein „Greifenkalender“ mit Originalholzschnitten wurde zum Sammlerobjekt. Noch 1964 arbeitete Dietz an einem „Wörterbuch der Sexuologie“ mit – eine Rückkehr zu jenem Thema, das seinen Verlag einst vor Gericht gebracht hatte. Doch Papierkontingente, Vorzensur und politische Vorgaben begrenzten zunehmend seine Möglichkeiten. Dietz starb 1964 in Rudolstadt; danach ging der Greifenverlag unter staatlichem Druck in Volkseigentum über. Sein Rudolstädter Verlag verband verlegerischen Eigensinn mit Anpassungen an die jeweilige Macht. Nach dem Zusammenbruch der DDR scheiterten Versuche der Treuhandanstalt zur Reprivatisierung, sodass der historische Greifenverlag 1993 Konkurs anmelden musste. Ein im Jahr 2009 unternommener Versuch dreier Verleger, das Unternehmen als Verlagsgenossenschaft mit Sitzen in Rudolstadt und Berlin neu zu beleben, mündete im März 2011 in ein Insolvenzverfahren und die endgültige Abwicklung. Die Verlagsmarke wird gegenwärtig als Imprint des Knabe Verlags Weimar weitergeführt.
