Alfred Ungelenk (1890– 1978) und Otto Kiesewetter (1889–1960)



Vom glühenden Draht zur großen Industriegeschichte

Manche Erfolgsgeschichten beginnen nicht in großen Forschungslaboren. Sie entstehen nicht unter idealen Bedingungen, ausgestattet mit reichlich Kapital und abgesichert durch einen mächtigen Konzern. Manchmal beginnen sie mit einer zufälligen Begegnung, einer mutigen Idee und zwei Menschen, die nach einem Krieg nicht wissen, wie ihr berufliches Leben weitergehen soll.

So war es bei Alfred Ungelenk und Otto Kiesewetter. Ihr gemeinsamer Weg führte von einer kleinen Rudolstädter Werkstatt zur Begründung eines Industriezweiges, der die Stadt bis heute prägt. Dass beide gemeinsam als „Kopf der Woche“ erscheinen, ist deshalb keine bloße Ausnahme von der Regel. Es ist die passende Form der Würdigung. Denn die Geschichte der Rudolstädter Röntgentechnik hat nicht nur einen Kopf. Sie hat zwei.

Alfred Ungelenk wurde am 5. Dezember 1890 in Kirchremda geboren. Nach seiner Schulzeit studierte er Elektrotechnik am Technikum Ilmenau und wurde Starkstromingenieur. Während des Ersten Weltkriegs war er als Funker eingesetzt und kam dabei mit elektrischen Röhren, Hochspannung und den technischen Anforderungen der Nachrichtentechnik in Berührung.

Otto Kiesewetter war nur wenig älter. Er wurde am 12. Juli 1889 in Großbreitenbach im Thüringer Wald geboren und erlernte das Handwerk des Glasbläsers. Sein beruflicher Weg führte ihn zu mehreren bedeutenden Herstellern von Röntgenröhren. Er arbeitete unter anderem bei C. H. F. Müller in Hamburg, bei der Watt AG in Wien und bei den Veifa-Werken in Frankfurt am Main. Kiesewetter verfügte damit schon vor dem Krieg über praktische Erfahrungen in einer jungen, hoch spezialisierten Branche.

Auch er war während des Ersten Weltkriegs als Funker eingesetzt. 1916 lernten sich Ungelenk und Kiesewetter bei einem Funkerlehrgang in Frankreich kennen. Ab 1917 arbeitete Kiesewetter in der Senderöhrenfertigung von Siemens & Halske in Berlin, während Ungelenk bis zum Kriegsende in Frankreich blieb.

Beide Männer brachten unterschiedliche, aber hervorragend zueinander passende Voraussetzungen mit. Ungelenk verstand die physikalischen und elektrotechnischen Zusammenhänge. Kiesewetter beherrschte die Glasbläserei und kannte die praktische Herstellung von Röntgen- und Senderöhren. Der eine kam stärker aus der Theorie, der andere aus der Fertigung. Doch die Grenzen waren fließend. Gerade darin lag ihre gemeinsame Stärke.

Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1918 begegneten sie sich zufällig in Rudolstadt wieder. Der Krieg war beendet, die politische und wirtschaftliche Zukunft ungewiss. Wie unzählige Heimkehrer waren auch Ungelenk und Kiesewetter zunächst ohne Arbeit und Einkommen.

Bei diesem Wiedersehen machte Kiesewetter den entscheidenden Vorschlag: Gemeinsam könnten sie medizinische Röntgenröhren herstellen. In den Kliniken herrsche eine regelrechte „Röntgennot“, erklärte er. Die vielen Kriegsverletzten mussten versorgt werden, zugleich spielte die Röntgentechnik eine immer größere Rolle im Kampf gegen die Tuberkulose. Die vorhandenen Geräte waren jedoch häufig veraltet, und leistungsfähige Röhren wurden dringend benötigt.

Ungelenk reagierte zunächst skeptisch. Als Starkstromingenieur, erinnerte er sich später, habe er von medizinischen Röntgenröhren keine Ahnung gehabt. Kiesewetter dagegen kannte die Branche, die Fertigung und die Nachfrage. Seine Zuversicht überzeugte den früheren Kriegskameraden. Am Ende des Gesprächs stand der gemeinsame Entschluss, das Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Mit 11.000 Reichsmark aus dem väterlichen Erbe Ungelenks, viel Unternehmungsmut und zunächst nur geringen geschäftlichen Erfahrungen gründeten beide zum 1. Januar 1919 die Firma „Ungelenk & Kiesewetter, Glastechnische Werkstätten“. In einem Hinterhof der Strumpfgasse 7 mieteten sie eine kleine Werkstatt. Sie kauften gebrauchte Werkzeuge und bauten aus Abfallbrettern Werkbänke und Regale.

Die Bezeichnung „Glastechnische Werkstätten“ klang bescheiden. Doch hinter ihr stand ein Vorhaben, das höchste Präzision verlangte. Eine Röntgenröhre war kein gewöhnliches Glasgefäß. In ihrem Inneren musste ein möglichst vollkommenes Vakuum herrschen. Elektroden mussten exakt angeordnet, Materialien sorgfältig ausgewählt und alle Verbindungen zuverlässig abgedichtet werden. Bereits kleinste Verunreinigungen konnten die Leistung beeinträchtigen oder die Röhre völlig unbrauchbar machen.

Hier zeigte sich, weshalb Ungelenk und Kiesewetter einander brauchten. Physikalisches und elektrotechnisches Wissen allein genügte nicht. Ebenso wenig reichte handwerkliches Geschick ohne ein Verständnis für Spannungen, Wärmeentwicklung und Vakuumtechnik. Erst aus beidem entstand ein funktionierendes Produkt.

Die ersten Monate waren schwierig. Einnahmen gab es kaum, und beide lebten mehr schlecht als recht vom Startkapital. Erneut war es Kiesewetter, der die Initiative ergriff. Er nutzte seine früheren Kontakte und schrieb an die Veifa-Werke in Frankfurt. Das Unternehmen arbeitete an einer neuen Generation von Röntgenröhren mit Glühkathode und suchte nach einem geeigneten Hersteller.

Ungelenk und Kiesewetter erhielten den Auftrag, diese neuartigen Röhren weiterzuentwickeln. Damit war die kritische Anfangszeit überwunden. Am 1. Mai 1919 wurde die Firma offiziell in das Handelsregister eingetragen. Dieses Datum gilt als amtlicher Beginn des Rudolstädter Röntgenröhrenwerkes.

Im Oktober 1919 entstanden die ersten funktionsfähigen Glühkathodenröhren, im November bestanden vier Rudolstädter Exemplare erfolgreich die Belastungstests in Anlagen der Veifa-Werke. Die Gründer erhielten daraufhin den Auftrag zur Serienfertigung.

Das war ein bedeutender Erfolg. Die neuen Glühkathodenröhren waren den bis dahin verbreiteten Ionenröhren in wichtigen Punkten überlegen. Sie ließen sich zuverlässiger steuern und eröffneten der medizinischen Diagnostik neue Möglichkeiten. Der kleine Rudolstädter Betrieb war damit von Beginn an Teil eines grundlegenden technologischen Wandels.

Die Auftragslage verbesserte sich rasch. Neben dem ersten Mechanikerlehrling Fritz Kukral wurden weitere Mitarbeiter eingestellt. Schon bald arbeiteten mehr als zehn Menschen in der Firma. Bis zum Sommer 1920 waren bereits mehr als 300 Röntgenröhren von Rudolstadt nach Frankfurt geliefert worden.

Die Werkstatt in der Strumpfgasse wurde nun endgültig zu klein. Im Sommer 1920 zog der Betrieb deshalb zunächst in Räume der Ankersteinbaukastenfabrik Richter & Cie. in der Schwarzburger Straße. Noch im selben Jahr verhandelten Ungelenk und Kiesewetter mit den Veifa-Werken über Kapital für die weitere Expansion.

Aus diesen Gesprächen entstand zum 1. September 1920 die „Phönix GmbH, Glastechnische Werkstätten zu Rudolstadt“. Die Veifa-Werke beteiligten sich am Unternehmen. Alfred Ungelenk und Otto Kiesewetter übernahmen beide Geschäftsführungsaufgaben. Aus der kleinen Werkstatt entwickelte sich nun schrittweise ein Industriebetrieb.

Die Nachfrage nach Rudolstädter Röntgenröhren stieg weiter. Im November 1920 beantragte das Unternehmen sogar eine polizeiliche Ausnahmegenehmigung, um am Buß- und Bettag wegen der außergewöhnlichen Arbeitsfülle produzieren zu dürfen.

Für den Mutterkonzern der Veifa-Werke, Reiniger, Gebbert & Schall in Erlangen, wurde der Standort zunehmend wichtiger. Der Ingenieur Max Anderlohr erhielt 1921 den Auftrag, die Röhrenfertigung innerhalb der Unternehmensgruppe neu zu ordnen. Nach der Besichtigung verschiedener Betriebe entschied er, die Herstellung von Röntgenröhren in Rudolstadt zu konzentrieren und weiter auszubauen.

Für Rudolstadt sprachen nach seiner Einschätzung vor allem die qualifizierten und bodenständigen Glasbläser, der gute Ausbildungsstand der Beschäftigten und die Unterstützung der Stadtverwaltung. Diese sagte Hilfe bei der Versorgung eines neuen Werkes mit Strom, Wasser und Gas zu.

Im Frühjahr 1922 erwarb die Phönix ein Grundstück jenseits der großen Saalebrücke an der Ecke Catharinauer Weg und Cumbacher Straße. Dort sollte eine Fabrik für 150 bis 200 Beschäftigte entstehen. Die Bauarbeiten begannen umgehend.

Im März 1923 bezogen rund 60 Mitarbeiter das erste Gebäude, den sogenannten Flachbau A. Noch im selben Jahr wurde mit dem Hochbau B ein zweiter Bauabschnitt fertiggestellt. Damit war das Unternehmen auf dem heutigen Werksgelände in Cumbach angekommen. Der Weg hatte von der kleinen Hinterhofwerkstatt in der Strumpfgasse über die vorübergehend genutzten Räume in der Schwarzburger Straße zum eigenen Fabrikstandort geführt.

Mit dem Wachstum veränderte sich auch die Arbeitswelt. Aus einer zunächst improvisierten Werkstatt wurde ein Betrieb mit festen Regeln und klaren Abläufen. Eine Bestimmung der damaligen Betriebsordnung lautete unmissverständlich: „Das Ausspucken auf den Fußboden ist untersagt; zu diesem Zweck sind die aufgestellten Spucknäpfe zu benutzen.“

Was aus heutiger Sicht kurios erscheint, hatte einen ernsten Hintergrund. Zum einen ging es um Hygiene und den Schutz vor Krankheiten wie der Tuberkulose. Zum anderen verlangte die Herstellung empfindlicher Vakuumröhren eine für damalige Werkstätten ungewöhnliche Sauberkeit. Staub, Fett, Feuchtigkeit oder andere Rückstände konnten die Qualität der Röhren beeinträchtigen.

In Rudolstadt entstand damit früh eine Kultur der Reinheit und Präzision. Sie war eine wesentliche Voraussetzung für die Herstellung komplizierter technischer Produkte und kann als Vorläufer jener strengen Fertigungsbedingungen gelten, die moderne Hochtechnologie bis heute bestimmen.

Die Zusammenarbeit der beiden Gründer dauerte allerdings nur wenige Jahre. Im Herbst 1922 schied Otto Kiesewetter aus dem Unternehmen aus und verkaufte seine Anteile. Offenbar bestanden Meinungsverschiedenheiten mit Ungelenk über den weiteren Weg der Firma. Im selben Jahr heiratete Kiesewetter Liesbeth Schilling. Die Ehe blieb kinderlos.

Sein Austritt bedeutete jedoch keineswegs, dass er sich von der Industrie oder von der Röntgentechnik abwandte. 1924 kehrte er noch einmal kurzzeitig zur Phönix zurück und leitete dort die Fertigung von Thermoskannen. Bereits ein Jahr später wagte er erneut den Schritt in die Selbstständigkeit.

1925 gründete er in der Weimarischen Straße in Rudolstadt unter dem Namen „Otto Kiesewetter & Co.“ eine eigene Röntgenröhrenfabrik. Damit wurde aus dem früheren Geschäftspartner ein selbstständiger Unternehmer und zeitweise auch ein Konkurrent des von ihm mitbegründeten Werkes.

Dieser zweite unternehmerische Weg zeigt, dass Kiesewetter keineswegs nur der handwerkliche Helfer eines akademisch ausgebildeten Ingenieurs war. Er war ein erfahrener Fachmann, Initiator, Geschäftsführer und Unternehmer. Seine Kenntnisse der Branche und seine Kontakte hatten bereits 1919 maßgeblich dazu beigetragen, die junge Firma durch ihre schwierigste Phase zu bringen.

Kiesewetter blieb seiner Vorstellung von einer eigenen Röntgenröhrenfertigung über Jahrzehnte treu. 1947 verlegte und vergrößerte er sein Unternehmen nochmals. Doch die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen der Nachkriegszeit wurden zunehmend schwieriger. Nachträgliche Steuer- und Mietforderungen führten 1953 zum Konkurs.

Zwei Jahre später floh Kiesewetter nach Endingen am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg. Selbst dort gab er seine unternehmerische Idee nicht auf und versuchte erneut, eine Röntgenröhrenfabrik aufzubauen. Der Neuanfang blieb jedoch ohne dauerhaften Erfolg. Otto Kiesewetter starb am 29. Oktober 1960 im Alter von 71 Jahren.

Sein Lebensweg war von Aufbrüchen, Beharrlichkeit und Rückschlägen geprägt. Er hatte entscheidenden Anteil an der Entstehung der Rudolstädter Röntgenindustrie, verließ das gemeinsame Unternehmen jedoch früh und musste später mehrfach neu beginnen. Während sich die von ihm mitbegründete Phönix unter dem Dach großer Unternehmensverbünde weiterentwickelte, blieb Kiesewetter der eigenständige Unternehmer, dessen Firmen nicht dieselbe Beständigkeit erreichten.

Gerade deshalb verdient seine Geschichte besondere Aufmerksamkeit. Erfolg lässt sich nicht allein an der späteren Größe eines Unternehmens messen. Ohne Kiesewetters Erfahrungen bei verschiedenen Röhrenherstellern, ohne seine Initiative und ohne seinen Vorschlag am Weihnachtsfest 1918 hätte die Rudolstädter Erfolgsgeschichte möglicherweise niemals begonnen.

Auch Alfred Ungelenks Weg setzte sich nach dem Ausscheiden seines Partners fort. Die Phönix GmbH wurde 1922 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Trotz Hyperinflation und wirtschaftlicher Krisen wuchs der Betrieb. Reiniger, Gebbert & Schall unterstützte den Ausbau und verlagerte weitere Produktionsbereiche nach Rudolstadt.

1925 wurde Reiniger, Gebbert & Schall mit Siemens & Halske verbunden. Die Phönix erhielt dadurch Zugang zu zusätzlichen Erfahrungen, Schutzrechten und technischen Entwicklungen. 1932 ging sie schließlich in den Siemens-Reiniger-Werken auf.

Für Ungelenk eröffneten sich dadurch neue technische Möglichkeiten. In den folgenden Jahren beschäftigte er sich mit einem der größten Probleme der Röntgentechnik: der enormen Wärme, die beim Erzeugen der Strahlung entsteht.

Nur ein sehr kleiner Teil der eingesetzten Energie wird tatsächlich in Röntgenstrahlung umgewandelt. Der weitaus größere Teil fällt als Wärme an. Bei den damals gebräuchlichen Festanoden traf der Elektronenstrahl immer wieder auf dieselbe Stelle. Wurde die Leistung zu hoch, drohte das Material zu überhitzen oder sogar zu schmelzen.

Die entscheidende Weiterentwicklung bestand in einer rotierenden Anode. Durch ihre Bewegung traf der Elektronenstrahl nicht dauerhaft auf denselben Punkt, sondern verteilte die Belastung auf eine größere Fläche. Gleichzeitig konnte die entstehende Wärme durch Strahlung abgegeben werden.

1935 kam die Siemens-Drehanodenröhre unter dem Namen „Pantix“ auf den Markt. Dieses technische Prinzip wird bis heute in leistungsstarken Röntgensystemen und Computertomographen genutzt. Damit reicht eine Entwicklung, deren Wurzeln in Rudolstadt liegen, bis in die moderne Hochleistungsmedizin hinein.

Alfred Ungelenks Lebensweg wurde später von den politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts bestimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von den sowjetischen Besatzungstruppen verhaftet und von 1945 bis 1948 im Lager Buchenwald festgehalten. Anschließend kehrte er nach Rudolstadt zurück, arbeitete zunächst im Unternehmen seines früheren Partners Otto Kiesewetter und später in der Entwicklung des VEB Phönix.

1951 floh Ungelenk über Berlin nach Erlangen und trat dort erneut in die Dienste der Siemens-Reiniger-Werke. 1956 ging er in den Ruhestand. Er starb am 18. Oktober 1978 im Alter von 87 Jahren.

Die Geschichte von Alfred Ungelenk und Otto Kiesewetter zeigt, dass technische Fortschritte selten allein am Schreibtisch oder ausschließlich in der Werkhalle entstehen. Die spätere Entwicklung der Drehanodenröhre ist eng mit Ungelenks Namen verbunden. Der Weg dorthin begann jedoch mit dem gemeinsamen Aufbau einer Fertigung, mit Kiesewetters Erfahrungen in der Glas- und Röhrentechnik und mit einer Zusammenarbeit, bei der Theorie und Praxis voneinander profitierten.

Ohne die handwerkliche Beherrschung des Werkstoffs Glas wären physikalische Konzepte nicht zu zuverlässigen Produkten geworden. Ohne ein Verständnis für elektrische und thermische Prozesse wäre auch die beste Glasarbeit an technische Grenzen gestoßen. Die Geschichte der beiden Gründer widerspricht damit dem beliebten Bild des einsamen Genies, das aus dem Nichts eine weltverändernde Erfindung hervorbringt.

Ungelenk und Kiesewetter verkörpern vielmehr eine andere Art von Pioniergeist. Sie verbanden unterschiedliche Erfahrungen, teilten ein unternehmerisches Risiko und entwickelten ihre Fähigkeiten an einer konkreten Aufgabe weiter.

Auch nach dem Ende ihrer gemeinsamen Arbeit blieb das von ihnen geschaffene Wissen am Standort erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk enteignet und als volkseigener Betrieb weitergeführt. Unter der Marke „Rörix“ entstanden weiterhin Röntgen- und Spezialröhren. Trotz politischer Teilung, wechselnder Eigentumsverhältnisse und schwieriger Materialbedingungen blieb die hoch spezialisierte Fertigung in Rudolstadt bestehen.

Entscheidend war dabei nicht nur das technische Wissen auf dem Papier. Über Generationen gaben die Beschäftigten ihre Erfahrungen im Glasapparatebau, in der Vakuumtechnik und in der präzisen Montage weiter. Dieses Wissen ließ sich nicht kurzfristig an einen beliebigen Ort verlagern. Es gehörte zum Standort und zu den Menschen, die dort arbeiteten.

Nach der deutschen Wiedervereinigung kehrte das Werk 1991 in den Siemens-Verbund zurück. Die Röhrenfertigung wurde in Rudolstadt konzentriert. Damit schloss sich ein Kreis, der mehr als sieben Jahrzehnte zuvor in der Strumpfgasse begonnen hatte.

Heute steht der Standort in Cumbach in der Tradition jener beiden Männer, die 1918 aus einer schwierigen persönlichen Lage heraus den Mut zu einer ungewöhnlichen Unternehmensgründung fanden. Zwischen der ersten Werkstatt und der modernen Medizintechnik liegen technische Revolutionen, politische Systemwechsel und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Doch der Kern ist geblieben: die Verbindung von Forschung, Konstruktion, Materialkenntnis und handwerklicher Präzision.

Alfred Ungelenk und Otto Kiesewetter stehen damit nicht nur für eine erfolgreiche Gründung. Ihre Geschichte erzählt von unterschiedlichen Begabungen, von Zusammenarbeit und Unternehmergeist. Sie zeigt aber auch, dass gemeinsame Wege auseinandergehen können und sich ein Lebenswerk anschließend auf sehr unterschiedliche Weise fortsetzt.

Ungelenks weiterer Weg führte zu bedeutenden technischen Entwicklungen und in die Strukturen eines internationalen Konzerns. Kiesewetter blieb der eigenständige Unternehmer, der wiederholt neu begann, wirtschaftliche Niederlagen hinnehmen musste und dennoch bis zuletzt an der Röntgenröhrenfertigung festhielt.

Der Ingenieur und der Glasbläser, der Konstrukteur und der Praktiker, der Erfinder und der Unternehmer: Solche Rollenbezeichnungen erfassen jeweils nur einen Teil ihrer Persönlichkeiten. In der Pionierzeit mussten beide vieles zugleich sein. Sie mussten experimentieren, verwerfen, verbessern und immer wieder neu beginnen.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft dieses Rudolstädter „Doppelkopfes“: Große Entwicklungen brauchen kluge Köpfe – vor allem aber brauchen sie Menschen, deren unterschiedliche Fähigkeiten im richtigen Augenblick zusammenfinden.

Aus einer Begegnung am Weihnachtsfest 1918 entstand eine Industriegeschichte, die Rudolstadt bis heute prägt. Aus einer kleinen Werkstatt in der Strumpfgasse führte der Weg über die Schwarzburger Straße zum heutigen Werksgelände in Cumbach und schließlich zu Röntgentechnik von internationaler Bedeutung.

Die Lebenswege von Alfred Ungelenk und Otto Kiesewetter trennten sich nach wenigen Jahren. Am Anfang aber standen sie gemeinsam. Zwei Köpfe, eine Idee – und ein Stück Rudolstädter Industriegeschichte, das bis in die Gegenwart wirkt.


31.07.2026