Wer heute durch die historische Altstadt von Rudolstadt spaziert oder in den Beständen der Historischen Bibliothek forscht, begegnet unweigerlich dem Erbe eines Mannes, der wie kaum ein anderer die Identität der Stadt an der Saale geprägt hat: Carl Gerd von Ketelhodt. Als langjähriger Kanzler, Geheimer Rat und leidenschaftlicher Sammler war er weit mehr als ein hochrangiger Verwaltungsbeamter – er fungierte als intellektuelle Brücke zwischen der barocken Residenzkultur und dem aufbrechenden Zeitalter der Klassik.
Ein Leben im Dienst der Gemeinschaft
Carl Gerd von Ketelhodt wurde am 3. Oktober 1738 in Rudolstadt in eine Familie hineingeboren, die man fast als „erbliche Ministerdynastie“ bezeichnen könnte. Sein Vater, Christian Ulrich von Ketelhodt, war bereits Kanzler und legte großen Wert auf eine fundierte Erziehung seines Sohnes. Carl Gerd erwies sich als akademisches Ausnahmetalent: Bereits im Alter von 14 Jahren wurde er nach Jena entlassen, um dort unter berühmten Professoren wie Walch und Hellfeld Rechtswissenschaften zu studieren.
Nach seiner Promotion im Jahr 1758 kehrte er in seine Heimatstadt zurück und trat in den Staatsdienst des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt ein. Es folgte eine beispiellose Karriere, die 1785 in der Ernennung zum Wirklichen Geheimrat und Kanzler gipfelte. Über ein halbes Jahrhundert hinweg diente er der Regierung mit „rastlosem Eifer“ und sicherte insbesondere während der turbulenten Napoleonischen Ära die innere Stabilität des Kleinstaates. Sein 50-jähriges Dienstjubiläum im Jahr 1808 wurde als großes Ereignis gefeiert und unterstrich seine Rolle als Garant für Kontinuität.
Die Ketelhodtsche Bibliothek: Ein Schatz für das Volk
Ketelhodts größte Leidenschaft galt jedoch dem gedruckten Wort. Über vier Jahrzehnte hinweg trug er eine Privatbibliothek zusammen, die schließlich zwischen 16.000 und 17.000 Bände umfasste. Das Besondere: Bereits ab 1785 stellte er diese gewaltige Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung – ein Akt von hoher aufklärerischer Relevanz.
Im Jahr 1804 vollzog er einen Schritt, der seinen Platz in der Stadtgeschichte für immer festschrieb: Er verkaufte seine Bibliothek mitsamt seinem Haus am Neumarkt an den regierenden Fürsten Ludwig Friedrich II. „zum allgemeinen Besten“. Diese Sammlung bildet bis heute das Rückgrat der „Historischen Bibliothek Rudolstadt“ im Alten Rathaus.Ohne Ketelhodts Sammeleifer wäre dieser kulturelle Schatz vermutlich in alle Winde zerstreut worden.
Schiller und die Prüfung der Geduld
Die Bedeutung dieser Bibliothek zeigt sich besonders in der Begegnung mit Friedrich Schiller während dessen Rudolstädter Sommers 1788. Schiller nutzte Ketelhodts Bestände intensiv für seine historischen Studien, etwa für seine „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“. Das Verhältnis war jedoch nicht ohne Reibung: Schiller beschrieb den Kanzler in Briefen spöttisch als Teil einer „grotesken Species von Menschen“. Er beklagte, dass er für den Zugang zu den Büchern gelegentlich ein gemeinsames Abendessen, ein sogenanntes „Supier“, beim Kanzler ertragen müsse. Dennoch bleibt unbestritten, dass Ketelhodt durch seine Offenheit die materiellen Voraussetzungen für Schillers literarisches Wirken in Rudolstadt schuf.
Spuren in Stein und Geist
Auch über die Verwaltung hinaus war Ketelhodt als Freimaurer – Mitglied der Rudolstädter Loge „Günther zum stehenden Löwen“ – und als Autor aktiv. Sein moralisches Lehrgedicht „Der Mensch“ (1763) zeugt von seiner tiefen Auseinandersetzung mit den ethischen Fragen seiner Zeit.
Physisch präsent bleibt Ketelhodt durch das prächtige Ketelhodt-Palais am Neumarkt 1. Das 1798 für ihn errichtete Gebäude mit seinen authentisch erhaltenen Stuckdecken und historischen Ofennischen war ursprünglich als Herberge für seine gewaltige Bibliothek konzipiert. Nach einem langen Leerstand wurde es 2019 durch die RUWO aufwendig saniert und dient heute als modernes Verwaltungsgebäude, das den historischen Charme des Klassizismus mit zeitgemäßer Nutzung verbindet.
Carl Gerd von Ketelhodt war der Prototyp des aufgeklärten Staatsmannes, der seine Machtbefugnisse zur Förderung von Wissenschaft und Kunst nutzte. Er machte Rudolstadt zu einem Ort der Gelehrsamkeit, dessen Ausstrahlung weit über die Grenzen Thüringens hinausreichte. Für die Stadt bleibt er der Mann, der staatsmännische Vernunft mit einer tiefen Liebe zur Kultur vereinte und damit den Grundstein für Rudolstadts heutigen Ruf als „Schillerstadt“ mit reicher Bildungstradition legte.