Mit einem leidenschaftlichen Appell an die zivilgesellschaftliche Vernetzung und einem tiefen Blick in die lokale Historie wurde gestern Abend in der Stadtbibliothek Rudolstadt die Wanderausstellung „Nur hundert Jahre – Die Aktualität von Frauenwahlrecht und Frauenpolitik“ eröffnet. Im Zentrum der Schau stehen Biografien von Frauen, die das politische Gesicht Rudolstadts zwischen 1919 und 1933 prägten.
Spurensuche in den Archiven: Rudolstadts Vorreiterrolle
Die Kuratorin der Ausstellung, Judy Slivi, verdeutlichte in ihrem Eröffnungsvortrag, dass Rudolstadt im thüringischen Vergleich eine bemerkenswerte Sonderrolle einnimmt. Während in vielen Städten Frauen erst spät politisch sichtbar wurden, gab es in Rudolstadt bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Sektion des Vereins „Frauenwohl“. Zudem existierte in Schwarzburg-Rudolstadt bereits vor 1918 ein eingeschränktes Wahlrecht über „Vertrauensmänner“. Slivi räumte jedoch mit dem romantischen Bild dieser Zeit auf: Es sei ein Wagnis gewesen, sich öffentlich politisch zu äußern – oft mussten Informationen diskret von Frau zu Frau gereicht werden, um den sozialen Status nicht zu gefährden.
Pionierinnen im Stadtrat: Zwischen Aufbruch und Tradition
Die Ausstellung macht die Schicksale der ersten weiblichen Mandatsträgerinnen im Rudolstädter Gemeinderat greifbar:
· Gertrud Graf (DDP): Eine Lehrerin, die durch ihre fachliche Souveränität in Rechts- und Verwaltungsausschüssen beeindruckte.
· Margarete Otto (SPD): Eine Aktivistin der ersten Stunde, die bereits 1918 dem Arbeiter- und Soldatenrat angehörte.
· Elisabeth Dalmer(DNVP): Eine Vertreterin des konservativen Spektrums, die sich intensiv im kirchlichen Volksdienst engagierte.
· Hedwig Kießling (DVP): Eine beharrliche Kommunalpolitikerin, die über mehrere Wahlperioden kandidierte und deren Biografie spannende Einblicke in die Zivilgesellschaft der Zeit bietet.
Ein differenzierter Blick: Licht und Schatten
Die Ausstellung spart auch die schwierigen Aspekte nicht aus. Judy Slivi betonte, dass Frauenbiografien das gesamte politische Spektrum der Weimarer Republik widerspiegeln – bis hin zu radikalen und antidemokratischen Strömungen. Die Kuratorin thematisierte am Beispiel lokaler Akteurinnen, wie auch Frauen aktiv zur Verbreitung rassistischer und antisemitischer Ideologien beitrugen und somit den Weg für den Nationalsozialismus ebneten. Diese kritische Perspektive verdeutlicht, dass politisches Engagement von Frauen historisch nicht immer gleichbedeutend mit demokratischem Fortschritt war.
Ein Appell für die Zukunft
Auf die Frage, was diese Frauen uns heute sagen würden, fand die Kuratorin eine klare Antwort:
„Ich glaube, sie würden uns zurufen, dass wir genau so weitermachen sollen: uns wahrnehmen, Spuren sichern und uns aktiv verbünden – egal ob in der Nachbarschaft oder in politischen Netzwerken.“
Besucherinformationen
Die Ausstellung ist ein Projekt des Internationalen Heritage-Zentrums der Bauhaus-Universität Weimar in Kooperation mit „Arbeit und Leben Thüringen“. Sie ist noch bis zum 30. April 2026 zu sehen.
Ort: Stadtbibliothek Rudolstadt, Schulplatz 13, 07407 Rudolstadt
Dauer: bis 30. April 2026
Eintritt: Frei