02.06.2026

Stadtgeschichte gesammelt und bewahrt

Neue Sonderausstellung auf Schloss Heidecksburg widmet sich der Städtischen Altertumssammlung Rudolstadts

Am vergangenen Freitag wurde auf Schloss Heidecksburg die neue Sonderausstellung „Stadtgeschichte gesammelt und bewahrt“ feierlich eröffnet. Anlässlich der Jubiläen 1250 Jahre Ersterwähnung Rudolstadts und 700 Jahre Stadtrecht widmet sich die Ausstellung der Geschichte der Städtischen Altertumssammlung – und damit einer besonderen bürgerschaftlichen Initiative, stadtgeschichtliche Zeugnisse zu sichern, zu bewahren und für kommende Generationen sichtbar zu machen. Eröffnet wurde die Schau durch Museumsleiterin Sabrina Lüderitz gemeinsam mit den Kuratoren Lars Krauße und Jeanette Lauterbach, die in ihren Beiträgen eindrucksvoll in die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der Sammlung einführten. 

Die Ausstellung erzählt dabei nicht nur von historischen Objekten, sondern auch von der Frage, wie eine Stadt sich ihrer eigenen Geschichte erinnert. Im Mittelpunkt stehen die großen Themen, die bereits die frühere stadtgeschichtliche Präsentation prägten: Handwerk, Religion, gesellschaftliches Leben, Frühgeschichte und bürgerliches Engagement. Sichtbar wird, dass Stadtgeschichte nicht allein in Archiven entsteht, sondern durch Menschen, die Dinge aufheben, weitergeben, erforschen und bewahren.

Kurator Lars Krauße erinnerte daran, dass es in Rudolstadt im 19. Jahrhundert zunächst keinen klassischen altertumssammelnden Verein gab. Stattdessen seien es heimatgeschichtliche Vorträge, bürgerliche Zusammenschlüsse und konkrete Verlustängste gewesen, die den Wunsch nach einer eigenen Sammlung wachsen ließen. Ein wichtiger Impuls war demnach, dass wertvolle Grabdenkmäler des alten Friedhofs an der Garnisonskirche nach Nürnberg gelangten. Daraus erwuchs die Sorge, Rudolstädter Altertümer könnten dauerhaft aus der Stadt verschwinden. Krauße machte deutlich, dass die Sammlung von Beginn an von bürgerschaftlicher Aufmerksamkeit getragen war: Die Bevölkerung unterstützte das Vorhaben rege, sodass die Sammlung rasch auf mehrere hundert Objekte anwuchs. 

Bereits 1908 wurde in der Ratsgasse 1 ein Raum für die Unterbringung und Präsentation der Altertumssammlung zur Verfügung gestellt. Später zog die Sammlung ins neue Rathaus und schließlich 1919 auf die Heidecksburg, wo sie durch den Bürgermeister feierlich wiedereröffnet wurde. Damit begann ein Kapitel, das bis heute nachwirkt. Die Ausstellung zeigt auch historische Fotografien früherer Präsentationen und macht anschaulich, wie dicht und eindrucksvoll die Objekte damals inszeniert wurden. „Aus heutiger Museumssicht würde man das sicherlich etwas anders gestalten“, erläuterte Krauße mit Blick auf historische Aufnahmen, „aber es ist wirklich ein sehr schönes Zeugnis dieser damaligen Zeit.“ 

Ein besonders bewegender Teil der Ausstellung widmet sich Hugo Hickethier. Der Lehrer, langjährige Vorsitzende des Rudolstädter Zweigvereins des Thüringerwald-Vereins, nebenberufliche Leiter der Landesbibliothek und zeitweilige Mitwirkende im Museumsausschuss wurde 1938 während der nationalsozialistischen Herrschaft wegen seiner Homosexualität zu zwölf Jahren Haft verurteilt. 1943 kam er in das Konzentrationslager Buchenwald und starb dort nach nur acht Tagen. In seinem Testament vermachte Hickethier zahlreiche Grafiken und Landkarten dem Schlossmuseum; ein Teil gelangte in die Altertumssammlung. Dass sein Schicksal erst im Zuge jüngerer Recherchen wieder stärker in den Blick gerückt sei, mache deutlich, so Krauße, wie viel an den Beständen noch zu erforschen sei. 

Kuratorin Jeanette Lauterbach stellte anschließend ausgewählte Objekte und Themen der Ausstellung vor. Bis in die 1940er Jahre seien rund 1000 Gegenstände sowie verschiedene Dokumente in die Städtische Altertumssammlung eingegangen. Etwas mehr als 300 Sachzeugen konnten bisher über Inventare, Kennzeichnungen oder Nummerierungen sicher zugeordnet werden. Dieser Prozess sei noch lange nicht abgeschlossen. Gerade Digitalisierung und Provenienzforschung ermöglichten neue Erkenntnisse. 

Zu sehen sind unter anderem Arbeiten Rudolstädter Künstler, darunter Gemälde von Richard Großmann, der mit liebevoller Genauigkeit Stadtansichten, Handwerker und Originale Rudolstadts festhielt. Lauterbach beschrieb seine Arbeiten als ein „liebenswürdiges Bild von Leben und Treiben in dieser kleinen Residenzstadt“. Auch Objekte des Handwerks nehmen breiten Raum ein. Eine besonders schmucke Innungslade der Böttcher von 1647 verweist auf die große Bedeutung der Rudolstädter Handwerksmeister. In solchen Truhen wurden wichtige Dokumente verwahrt; vor der geöffneten Lade wurden Lehrlinge eingeschrieben, Gesellen losgesprochen und Rechnungen gelegt. 

Weitere besondere Exponate sind eine Holztafel mit dem Wappen des Fürstenhauses Thurn und Taxis, die an Rudolstadts Verbindung zum historischen Postwesen erinnert, sowie der Turmknopf mit Wetterfahne des Storchturms, des letzten von ehemals fünf Stadttoren. Der Storchturm wurde 1873 abgerissen, doch Rudolstädter Bürger hielten Turmknopf und Wetterfahne für so bedeutsam, dass sie bewahrt wurden. Die Wetterfahne zeigt die Rudolstädter Löwen, die Jahreszahl 1704 sowie die Initialen von Graf Albert Anton und Emilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt. Lauterbach verwies augenzwinkernd darauf, dass sich in der Ausstellung überhaupt viele Rudolstädter Löwen entdecken ließen: „Da kann man auch auf Entdeckungsreise gehen.“ 

Auch das gesellschaftliche Leben der Stadt wird lebendig. Die Bildtafel „Plauderstübchen“, um 1890 von Adolf Friedrich für den gleichnamigen Rudolstädter Verein geschaffen, erzählt von der reichen Vereinslandschaft des 19. Jahrhunderts. Lauterbach erinnerte daran, dass es 1880 in Rudolstadt mehr als 300 eingetragene Vereine gab – von politischen und fachlichen Vereinigungen über Turn-, Musik- und Gesangsvereine bis hin zu Wohltätigkeits-, Frauen-, kirchlichen und geselligen Vereinen. Die Bildtafel selbst bedarf nach über 100 Jahren dringend einer Restaurierung. Das Museum sucht dafür Unterstützer und Paten. 

Zum Gelingen der Ausstellung trugen zahlreiche Beteiligte bei. Ein besonderer Dank galt dem gesamten Museumsteam, der Museumsleitung um Sabrina Lüderitz, den Mitarbeitenden der Heidecksburg sowie der Stadt Rudolstadt. Genannt wurden dabei ausdrücklich Bürgermeister Jörg Reichl, Manja Rabenau und Tobias Zober aus Stadtarchiv und Historischer Stadtbibliothek sowie Alexander Bernhard, der mit der Gestaltung der Werbeträger der Ausstellung ein Erscheinungsbild im Zeichen des Rudolstädter Jubiläumsjahres gab. Den musikalischen Rahmen der Eröffnung gestalteten Hagen Lusche und Thomas Voigt. 

Die Sonderausstellung „Stadtgeschichte gesammelt und bewahrt“ ist bis zum 17. Januar 2027 auf Schloss Heidecksburg zu sehen. Sie lädt dazu ein, Rudolstadt nicht nur als Stadt mit langer Geschichte zu betrachten, sondern als Ort, dessen Erinnerung immer wieder neu gesammelt, geordnet, erforscht und erzählt werden muss.

Michael Wirkner | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit