15.07.2026

Ein kleiner Reisebericht aus Letterkenny – die zweite

Fotograf André Kranert, der ein Buch über Letterkenny schreibt, sagt, er habe sein Herz an die Menschen, Orte und Pubs von Donegal verloren.

Manchmal scheint es, vergeht im Leben die Zeit schneller, vor allem dann, wenn die Tage sehr bewegt und intensiv sind. Das wird mir gerade wieder einmal sehr deutlich bewusst. Eben noch steige ich aus dem Flieger und werde vom üblichen irischen Regenschauer begrüßt – so sitze ich jetzt nach neun Tagen schon wieder hier am Flughafen in Dublin und warte auf meinen Heimflug. Zeit, um ein kleines Resümee zu ziehen und euch zu berichten, was ich auf meiner zweiten Reise so alles in „good old Donegal“ erlebt habe.

Das erste Mal allein in ein fremdes Land zu reisen, um es zu erkunden und mehr über die Menschen dort zu erfahren, war aufregend. Dieses zweite Mal war anders. Warum? – Ganz einfach, weil für mich nicht alles neu war. Weder der Linksverkehr noch die zweisprachigen Straßenschilder. Auch der Anfahrtsweg war mir gut bekannt. Und am Ziel meiner Reise warteten Freunde auf mich. Freunde, auf deren Wiedersehen ich mich unglaublich freute.

Damit es nicht allzu „langweilig“ werden würde, stellte ich mich einer neuen Herausforderung. Das letzte Mal hatte ich einen Mietwagen mit Automatikgetriebe gemietet. Die sind jetzt in der Haupturlaubszeit aber um das Doppelte teurer als Fahrzeuge mit Schaltgetriebe. Aus finanziellen Gründen entschied ich mich also für ein solches. Level 1 war das Meistern des Linksverkehrs in einem Rechtslenker. Jetzt also Level 2 - Schalten mit der linken Hand. Am Anfang war alles sehr ungewohnt und das Muskelgedächtnis spielt einem den ein oder anderen Streich. Aber mit etwas Konzentration kam ich auch dieses Mal unfallfrei an. Die Iren würden sagen: „You are getting used to it! “ - Man gewöhnt sich an alles.

Da ich auf der ersten Reise bereits unwahrscheinlich viele Eindrücke gesammelt hatte und inzwischen über 400 fertig bearbeitete Motive in meinem Archiv schlummern, konnte ich es etwas ruhiger angehen lassen. Auf dem Plan standen aber dennoch eine Menge an Orten und Menschen, die ich gern besuchen und fotografieren wollte.

Nach dieser Reise kann ich nun definitiv bestätigen: In Irland ticken die Uhren anders und festes Planen ist nicht wirklich möglich. Alles ist immer in Bewegung und man weiß nicht so recht, woran man ist. Aber letztlich kommt man doch irgendwie ans geplante Ziel, auch dank meiner Unterstützer vor Ort. Anne Nicholls, ihr Mann Enda Dunne und Jimmy Kavanagh haben wirklich alles gegeben. Und so konnte ich wieder viele interessante Menschen aus Letterkenny und dem County Donegal treffen und fotografieren. Etwas anderes steht auch felsenfest – die Gastfreundlichkeit der Menschen hier ist überirdisch.

So durfte ich unter anderem einen Garda, also einen irischen Polizisten, portraitieren. Enda und ich fuhren zur Polizeistation Milford. Dort angekommen wurden wir wie immer freundlichst begrüßt und es gab erst einmal Tee für alle. Im Gespräch kamen wir schnell ins Fachsimpeln, denn ich als ehemaliger Polizist hatte ja auch ein paar interessante Dinge zu berichten und musste einige Fragen beantworten. Ganz spontan gab es danach eine Führung durch die gesamte Dienststelle. Nach meinem kleinen Fotoshooting überreichte man mir noch ein kleines Andenken: ein Original Garda-Basecap, natürlich eines von der Armed Support Unit, denn ich hatte ja in meiner Dienstzeit immer eine Waffe getragen, scherzte der Sergeant. Das ist in Irland so nicht üblich und nur spezielle Einheiten sind mit Schusswaffen ausgerüstet. Auf jeden Fall ein interessantes und schönes Erlebnis. Ich habe unter anderem auch noch einen Farmer und einen Fischer besuchen können. Aber diese Geschichten hebe ich mir für mein Buch auf – man will ja nicht alles vorher verraten.

Mein Bekanntheitsgrad in Letterkenny ist mit dieser Reise etwas gestiegen, denn dieses Mal musste ich mich der lokalen Presse stellen. Die bezaubernde Rachel McLoughlin vom Donegal Daily fragte mich förmlich ein Loch in den Bauch und machte einen wunderbaren Artikel daraus, für den ich gern auch ein paar meiner Bilder zur Verfügung stellte.

Zum Artikel im Donegal Daily

Natürlich kamen die Geselligkeit und das Feiern in dieser Woche nicht zu kurz. Gleich am Sonntag nach meiner Ankunft wurde es feuchtfröhlich. Anne und ich gingen ins Blakes, eines der beliebtesten Pubs in Letterkenny. Hier spielte eine Band im Hof alte Rockklassiker und die Stimmung war wirklich gut. Uns war es nach einer Weile etwas zu laut im Außenbereich, also gingen wir nach drinnen. Der Pub war gut besucht und schnell bahnten sich die ersten Gespräche an. Anne stellte mich vor und es dauerte keine fünf Minuten, bis ich den ersten Whiskey spendiert bekam. Nun, ihr könnt euch sicher gut vorstellen, wie das ausging. 

Über die Woche dann das übliche Programm mit Einladungen zum Diner oder auch zu einer Party von Annes irischem Chor. Die richtete eines der Chormitglieder in seinem Haus aus. Es war schön, auch hier viele bekannte Gesichter wiederzusehen. Zur Begrüßung gab es erst mal einen ordentlichen Cocktail, nicht so einen, den man irgendwo an einer Bar bekommt, sondern einen mit „richtig Schmackes“. Ich weiß bis heute nicht, was da alles drin war. Nach dem Essen wurde es sehr gesellig und wir sangen den ganzen Abend. Ich durfte auch meinen Song „Good old Donegal“ mit Gitarre vortragen und alle sangen den Refrain begeistert mit. Magret Rowland (mit der ich im Februar Saint-Bridgets Crosses basteln durfte) sagte mir zudem, dass sie den Song sehr berührt hätte und das machte mich schon ein wenig stolz.

Ein letztes Highlight der Reise war eine Einladung von Jimmy zum Diner im Yellow Pepper. Wir waren gerade vom Schwimmen in Portnablagh zurück, als mein Telefon klingelte. Ob ich an meinem letzten Abend Zeit hätte und ihn bei sich zu Hause abholen könnte, fragte Jimmy mich. Natürlich konnte ich. Eine solch nette Einladung schlägt man nicht aus, schon gar nicht in Irland. Mit deutscher Pünktlichkeit stand ich vor Jimmys Tür, er sprang zu mir ins Auto und wir fuhren in die Stadt. Was er mir nicht verraten hatte: Die Delegation aus Letterkennys zweiter Partnerstadt Elisabethtown in den USA war auch den letzten Abend in der Stadt. Als wir das Yellow Pepper, eines der besten Restaurants der Stadt, betraten, saßen da zwölf Amerikaner und eine Handvoll Stadträte aus Letterkenny. Für mich war noch ein Stuhl frei – mittendrin. Das war schon eine Überraschung. Es wurde ein Abend voll von interessanten Gesprächen und natürlich mit hervorragendem Essen. Letztlich bleibt mir nur wieder einmal festzustellen – was für ein Trip!

André Kranert