30.10.2026

Kopf der Woche: Wilhelm Geißler (1895–1977)

Der Mensch im Räderwerk

Zahnräder und Hebel fügen sich zu menschlichen Gestalten, starre Formen bestimmen ihre Körper. Mit seiner 1925 veröffentlichten Holzschnittfolge „Der künstliche Mensch“ zeichnete Wilhelm Geißler eine bedrückende Vorstellung der Moderne. Ob Soldat oder Musiker, Tänzerin oder Arbeiter: Sie alle wirken wie Automaten. Was aus dem Menschen im Zeitalter der Maschinen wird, beschäftigte ihn sein Leben lang.

Vom Zeichentisch zum Holzschnitt

Geißler kam am 29. September 1895 in Hamm zur Welt. Sein Weg führte ihn vom technischen Zeichnen über die Ausbildung bei einem Malermeister an die Kunstgewerbeschule Düsseldorf, wo er ab 1913 studierte. Heinrich Rüter unterrichtete ihn in Wand- und Glasmalerei. Der Erste Weltkrieg setzte seiner Ausbildung jedoch ein vorläufiges Ende: Von 1916 bis 1918 war er an der Front. Was er dort erlebte, hinterließ Spuren in seinen dramatischen Bildern. Bereits 1918 widmete ihm das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm eine erste Ausstellung.

Nach weiteren Studien in Leipzig und München zog Geißler 1922 nach Rudolstadt um. In Cumbach richtete er sein Atelier ein, worauf eine Phase künstlerischer Arbeit begann.

Kunst von der Heidecksburg

Für den Greifenverlag, seit 1926 auf der Heidecksburg beheimatet, arbeitete Geißler bis 1929 als Hausgrafiker und Buchgestalter. Die von ihm ins Leben gerufene und betreute Reihe „Kunst der Jugend“ brachte Originalholzschnitte heraus, darunter Arbeiten von Alfred Hanf und Bruno Schmialek. Moderne Grafik wurde auf diesem Weg einem größeren Publikum zugänglich.

Die siebte Mappe der Reihe erschien 1925 unter dem Titel „Der künstliche Mensch. Zehn Blätter der Anklage“. Harte Gegensätze von Schwarz und Weiß prägen die Figuren, deren Körper Geißler in mechanische Gebilde verwandelte. In Krieg, Fließbandarbeit und Technik fand menschliche Entfremdung ihren bildlichen Ausdruck. Die in Rudolstadt geschaffene Folge gehört zu seinen wichtigsten Werken.

Zwischen Kunst und Politik

Nach seiner Heirat mit Elfriede von Ponickau 1929 siedelte Geißler 1930 mit ihr nach Köln über. Wandbilder, Glasfenster und Mosaike entstanden dort. Gemeinsam mit anderen Künstlern gründete Geißler 1934 die Woensam-Presse. Ihr Anliegen war es, Originalgrafik zu erschwinglichen Preisen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Die Vereinigung war jedoch auch in die nationalsozialistische Kulturpolitik eingebunden und wurde 1941 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Geißler stand ihr als erster Vorsitzender vor und gehörte selbst der Reichskammer an. 1942 war er zudem auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München vertreten, einer der wichtigsten Kunstschauen des NS-Regimes.  Seine Geschichte lässt sich nicht ohne diese Verflechtung erzählen.

Die Leitung der Meisterschule für das gestaltende Handwerk in Wuppertal übernahm Geißler 1943 als Direktor. Ein Entnazifizierungsverfahren führte nicht zum Verlust seines Amtes: Bis 1961 leitete er die Einrichtung, die später zur Werkkunstschule wurde.

Ein Phönix und viele Fragen

Am wiederaufgebauten Salzhaus in Frankfurt am Main gestaltete Geißler 1955 das Glasmosaik „Phönix aus der Asche“. Über den Ruinen der zerstörten Stadt steigt darin der Vogel auf. Als künstlerisches Medium blieb für ihn der Holzschnitt am wichtigsten. Aufmerksamkeit erhielten seine Arbeiten auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, beispielsweise in Ausstellungen in Moskau und Leningrad. Die Stadt Mainz verlieh ihm 1970 die Johann-Gutenberg-Medaille; im selben Jahr wurde er mit der Silbernen Ehrenplakette der Stadt Hamm ausgezeichnet.

Wilhelm Geißler starb am 11. Februar 1977 in Wuppertal. Nur wenige Jahre seines Lebens hatte er in Rudolstadt verbracht. Ausgerechnet dort entstanden jedoch die Bilder, die eine noch heute aktuelle Frage aufwerfen: Was bleibt vom Menschen in einer durch Maschinen geprägten Welt?

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit