Manche Menschen hinterlassen einzelne Werke. Andere schaffen Verbindungen, aus denen über Jahrzehnte hinweg immer wieder Neues entsteht. Jens Henkel gehörte zu diesen seltenen Persönlichkeiten. Museen, Bücher, Ausstellungen, Künstlerfreundschaften, Stadtpolitik und selbst das Rudolstadt-Festival tragen Spuren seines Wirkens. Dabei stellte er sich nie selbst in den Mittelpunkt. Seine besondere Begabung bestand vielmehr darin, Menschen und Ideen zusammenzubringen, historische Schätze zu bewahren und ihnen zugleich eine zeitgemäße Gestalt zu geben.
Jens Henkel wurde am 31. Mai 1953 in Rudolstadt geboren. Die Stadt blieb zeitlebens sein Lebensmittelpunkt – doch sein Wirken reichte weit über ihre Grenzen hinaus. Bereits 1971 begann er als Volontär am Thüringer Landesmuseum Heidecksburg. Nach seinem Studium der Geschichte und Museologie in Leipzig und Berlin kehrte er an das Museum zurück. Von 1976 bis zu seiner Pensionierung im Mai 2018 arbeitete er dort als Museologe, Kustos und stellvertretender Direktor.
Fast fünf Jahrzehnte Museumstätigkeit bedeuteten für ihn weit mehr als das Sammeln und Verzeichnen historischer Gegenstände. Henkel verstand Museen als lebendige Orte, an denen Geschichte erzählt, eingeordnet und für die Gegenwart erfahrbar gemacht wird. Bewahren und Gestalten waren für ihn keine Gegensätze. Historische Genauigkeit verband er mit einem feinen Gespür für Ästhetik, Sprache und die Erwartungen des Publikums.
Besonders sichtbar wird diese Haltung in der Ausstellung „Rococo en miniature“. Die von Gerhard Bätz und Manfred Kiedorf über Jahrzehnte geschaffene Miniaturwelt zeigt die Schlösser zweier erfundener Königreiche im Maßstab 1:50. Jens Henkel erkannte früh den außergewöhnlichen künstlerischen und kulturgeschichtlichen Wert dieses Lebenswerkes. Es gelang ihm, die Schöpfer von einer dauerhaften Präsentation auf Schloss Heidecksburg zu überzeugen und ein tragfähiges Konzept für die Ausstellung zu entwickeln. Seit 2007 gehört „Rococo en miniature“ zu den großen Publikumsmagneten des Museums.
Noch umfangreicher war Henkels Einsatz für das Zeughaus von Schloss Schwarzburg. Die bedeutende fürstliche Waffensammlung war infolge des nationalsozialistischen Schlossumbaus ab 1940 ausgelagert, zerstreut und über Jahrzehnte in Depots verwahrt worden. Henkel widmete sich gemeinsam mit Restauratoren und Fachleuten der wissenschaftlichen Erfassung und Aufarbeitung von rund 5.200 Waffen und Rüstungsteilen.
Elf Jahre lang arbeitete er an der Rückkehr der Sammlung an ihren ursprünglichen Ort. Als das restaurierte Zeughaus am 11. Mai 2018 wiedereröffnet wurde, fand eines der größten musealen Projekte seines Berufslebens seinen Abschluss. Dass das einzige original erhaltene fürstliche Zeughaus im deutschsprachigen Raum heute wieder mit seiner historischen Sammlung erlebbar ist, bleibt untrennbar mit seinem Namen verbunden.
Seine Handschrift findet sich jedoch an vielen weiteren Orten: im Schillerhaus Rudolstadt, in den Thüringer Bauernhäusern, im Friedrich-Fröbel-Museum Bad Blankenburg, in Paulinzella sowie in weiteren Ausstellungen auf Schloss Schwarzburg. Henkel betrachtete die Region nicht als abgelegene Provinz. Für ihn war sie ein Raum voller Geschichten, Persönlichkeiten und Kunstwerke, die es wert waren, mit höchstem Anspruch präsentiert zu werden.
Neben dem Museum galt seine große Leidenschaft der Buchkunst. Schon in den 1980er-Jahren gab er bibliophile Editionen heraus. Im Februar 1990 gründete er schließlich die burgart-presse mit Sitz im Rudolstädter Ortsteil Mörla. In mehr als drei Jahrzehnten entstanden dort Pressendrucke, Künstlerbücher und originalgrafische Ausgaben, die Literatur, Typografie, Papier und bildende Kunst zu Gesamtkunstwerken verbanden.
Henkel war dabei weniger der klassische Drucker oder Gestalter als vielmehr ein Dirigent. Er brachte Schriftsteller, Grafiker, Buchkünstler und Handwerker zusammen. Autoren wie Christa Wolf, Walter Jens, Adolf Endler, Kerstin Hensel und Matthias Biskupek trafen in seinen Editionen auf Künstler wie Karl-Georg Hirsch, Steffen Volmer, Alfred Traugott Mörstedt und Walter Sachs.
Schon der Band „Schwarz angesagt & andere bestechende Gefühle“ von Matthias Biskupek mit Holzstichen von Karl-Georg Hirsch wurde 1989 als eines der „Schönsten Bücher der DDR“ ausgezeichnet und erhielt eine Goldmedaille auf der Internationalen Buchkunstausstellung in Leipzig. Es war der Auftakt für ein verlegerisches Werk, das die ostdeutsche Buchkunst über die politische Zeitenwende hinweg bewahrte und zugleich in das gesamtdeutsche Kulturleben führte.
Eine besonders enge Freundschaft verband Jens Henkel mit dem Rudolstädter Schriftsteller Matthias Biskupek. Aus ihrem jahrzehntelangen Austausch gingen zahlreiche gemeinsame Künstlerbücher hervor. Die Verbindung von Literatur, Kunst und persönlicher Freundschaft war beispielhaft für Henkels Arbeitsweise: Kultur entstand für ihn nicht allein am Schreibtisch, sondern durch Begegnung, Vertrauen und gemeinsames Arbeiten.
Auch politisch wollte er die Entwicklung seiner Heimatstadt nicht nur beobachten. Nach der friedlichen Revolution wurde er 1990 in den ersten frei gewählten Rudolstädter Stadtrat gewählt. Bis 1994 leitete er den Kultur- und Sozialausschuss und gehörte dem Hauptausschuss an. In einer Zeit tiefgreifender Veränderungen setzte er sich für den Erhalt der historischen Altstadt, eine behutsame Stadtsanierung und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte ein.
Zu seinem kulturpolitischen Vermächtnis gehört auch die Neuausrichtung der früheren DDR-Tanzfeste. Jens Henkel war 1991 an der Entstehung des neuen Tanz- und Folkfestes beteiligt. Aus dem Aufbruch jener Jahre entwickelte sich das heutige Rudolstadt-Festival – ein international bekanntes Fest der Folk-, Roots- und Weltmusik. Dass sich dort Menschen aus vielen Ländern begegnen, neugierig aufeinander zugehen und kulturelle Vielfalt feiern, entspricht jener Weltoffenheit, die Henkels Arbeit stets prägte.
Als Autor und Herausgeber widmete er sich außerdem der thüringischen Kunst- und Regionalgeschichte. Mit der zehnbändigen Reihe „Künstler in Thüringen“ dokumentierte er das Schaffen bedeutender zeitgenössischer Künstler. Später konzipierte und redigierte er die „Rudolstädter Schriften“. Die Reihe verbindet lokale Themen mit überregionalen historischen Zusammenhängen und zeichnet sich durch eine ebenso sorgfältige inhaltliche wie gestalterische Arbeit aus.
Selbst während seiner schweren Erkrankung arbeitete Henkel an diesen Büchern weiter. Acht der geplanten zehn Bände konnte er noch fertigstellen. Sie sind Teil seines Vermächtnisses – ebenso wie das Archiv der burgart-presse, das er 2022 der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar übergab. Korrespondenzen, Entwürfe und sämtliche Pressendrucke bleiben dadurch dauerhaft für Wissenschaft und Öffentlichkeit erhalten.
Am 21. Juni 2023 wurde Jens Henkel für sein jahrzehntelanges Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Es war die staatliche Würdigung eines Mannes, der Kultur nicht als Dekoration verstand, sondern als Grundlage gesellschaftlicher Verständigung.
Jens Henkel starb am 7. August 2025 im Alter von 72 Jahren. Sein Tod hinterließ eine große Lücke. Doch sein Lebenswerk ist an vielen Orten weiterhin gegenwärtig: in den Sammlungen der Heidecksburg, im Zeughaus von Schloss Schwarzburg, in kostbaren Künstlerbüchern, in den „Rudolstädter Schriften“, im historischen Stadtbild und im alljährlichen Rudolstadt-Festival.
Er bewahrte, ohne die Vergangenheit zu verklären. Er gestaltete, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Und er zeigte, dass große Kultur nicht nur in Metropolen entsteht. Sie kann auch von Rudolstadt aus die Welt erreichen – wenn Menschen bereit sind, genau hinzusehen, Verbindungen zu schaffen und eine Idee mit Ausdauer zu verfolgen.
24.07.2026
Kopf der Woche: Jens Henkel (1953–2025)
Der Bewahrer, der Neues möglich machte