16.02.2026

Kopf der Woche: Hans Fallada (1893–1947)


In der Reihe „Rudolstädter Köpfe“ widmen wir uns Persönlichkeiten, deren Zeit in unserer Stadt oft nur eine kurze Episode war, die aber deren gesamtes späteres Leben wie ein Brandzeichen prägte. Bei keinem ist dies so greifbar wie bei Rudolf Ditzen, der Weltkarriere unter dem Pseudonym Hans Fallada machte. Wer diesen Autor verstehen will – den Schöpfer des „Kleinen Mannes“, den Chronisten der Weimarer Not und den unbestechlichen Zeugen des Widerstands –, der muss auf den Uhufelsen blicken. Denn dort, im Schatten der Heidecksburg, starb der bürgerliche Rudolf Ditzen und wurde der Schriftsteller Hans Fallada geboren.

Ein Leben gegen den „eisernen“ Vater

Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen wurde am 21. Juli 1893 in Greifswald in eine Welt der Paragraphen und der Ordnung geboren. Sein Vater, ein hochrangiger Jurist am Reichsgericht, war ein Mann von „eisernen“ Prinzipien, der für seinen Erstgeborenen eine glanzvolle Beamtenlaufbahn vorgesehen hatte. Doch Rudolf passte nicht in dieses Korsett. Er war ein kränkliches Kind, ein Außenseiter, der sich schon früh in die Welt der Bücher flüchtete, um der erdrückenden Erwartungshaltung des Vaters zu entfliehen.

Nach einer skandalträchtigen Jugendzeit in Berlin und Leipzig, gezeichnet von psychischen Krisen und ersten Suizidgedanken, sahen die Eltern Rudolstadt als letzte Rettung. In der beschaulichen Residenzstadt sollte der 17-Jährige fernab der großstädtischen Versuchungen sein Abitur am Gymnasium Fridericianum ablegen.

Rudolstadt 1911: Das intellektuelle Treibhaus

Rudolf Ditzen kam am 15. Juli 1911 in Rudolstadt an. Er bezog Quartier am Schloßaufgang VI, Nr. 1, bei dem pensionierten Superintendenten Braune. Doch statt der erhofften Ruhe fand er hier das absolute Gegenteil: eine fatale geistige Radikalisierung. Gemeinsam mit seinem Mitschüler Hanns Dietrich von Necker schwelgte er in der modernen Literatur von Oscar Wilde und den radikalen Schriften Friedrich Nietzsches.

Besonders Nietzsches Zarathustra mit der Forderung, „zur rechten Zeit“ zu sterben, wurde für die beiden lebensmüden Jugendlichen zur Obsession. Sie gründeten den literarischen Verein „Literaria“, trafen sich in der Pörzbierhalle in der Nähe des Bahnhofs (heute der Schminkkasten, Spielstätte des Schiller-Theaters) und steigerten sich in einen Todespakt hinein.

Die Katastrophe am Uhufelsen

Am Morgen des 17. Oktober 1911 wurde aus dem literarischen Spiel blutiger Ernst. Auf einer einsamen Lichtung am Uhufelsen, zwischen Eichfeld und Keilhau, inszenierten die Freunde ein Scheinduell, um ihren geplanten Doppelselbstmord vor der Gesellschaft als „Ehrensache“ zu tarnen. Mit einer Schleife und einer Blume hatten sie die Position ihrer Herzen markiert.

Nachdem die ersten Schüsse verfehlt hatten, traf Ditzen seinen Freund von Necker beim zweiten Versuch tödlich. Er selbst richtete die Waffe danach mehrmals gegen sich selbst, überlebte jedoch schwer verletzt an Herz und Lunge. Blutüberströmt taumelte er den Berg hinunter nach Eichfeld. Die „Akte Fallada“, die heute noch im Thüringer Staatsarchiv auf der Heidecksburg verwahrt wird, dokumentiert das bittere Ende dieses Lebensabschnitts: Anklage wegen Totschlags, Einweisung in die Psychiatrie und der endgültige Bruch mit der bürgerlichen Welt seines Vaters.

Vom Gefängnis zum Welterfolg

Diese Rudolstädter Zäsur bildete das psychologische Fundament für alles, was folgte. Ditzen verließ die Schule ohne Abschluss. Es folgten Jahre der Odyssee: eine landwirtschaftliche Lehre in Posterstein, in der er die „kleinen Leute“ und das harte Landleben kennenlernte, das später seinen Realismus prägte. Doch die Dämonen blieben. Ab 1916 verfiel er dem Morphium und dem Alkohol. Um seine Sucht zu finanzieren, beging er Unterschlagungen, die ihn mehrfach ins Gefängnis brachten – Orte, die er später in dem Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frißt (1934) meisterhaft beschrieb.

Der literarische Durchbruch gelang ihm 1932 mit Kleiner Mann – was nun?. Der Roman über den Angestellten Pinneberg und sein „Lämmchen“ (inspiriert von seiner Frau Suse) traf den Nerv der Weltwirtschaftskrise. Das Buch wurde über Nacht zum Welterfolg, in zahlreiche Sprachen übersetzt und sogar in Hollywood verfilmt. Fallada war nun einer der Spitzenverdiener der deutschen Literatur, doch der innere Frieden blieb aus.

Die dunklen Jahre und das Vermächtnis

Im Dritten Reich entschied sich Fallada gegen das Exil. Er zog sich auf ein Gut in Carwitz zurück, lebte in der „Inneren Emigration“ und musste schmerzhafte Kompromisse mit der Zensur eingehen. So wurde er etwa gezwungen, das Ende seines Romans Der eiserne Gustav (1938) im Sinne der NS-Propaganda umzuschreiben.

Nach dem Krieg, bereits körperlich gezeichnet durch jahrzehntelangen Drogenmissbrauch, schrieb er in einem letzten, verzweifelten Arbeitsrausch von nur 24 Tagen sein Vermächtnis: Jeder stirbt für sich allein (1947). Es ist ein Monument des menschlichen Widerstands, das seit seiner internationalen Wiederentdeckung im Jahr 2009 weltweit die Bestsellerlisten stürmte.

Fazit: Ein Kind unserer Stadt

Hans Fallada starb am 5. Februar 1947 in Berlin. Er war ein Mann der Extreme: liebevoller Vater und gewalttätiger Gatte, gefeierter Star und einsamer Suchtkranker.

Rudolstadt bewahrt heute sein Andenken nicht nur als touristisches Ziel. Wenn wir heute auf den Uhufelsen blicken oder an der Gedenktafel am Schloßaufgang vorbeigehen, erinnern wir uns an den Moment, in dem ein junger Mann alles verlor, um die Worte zu finden, die uns noch ein Jahrhundert später bewegen. Hans Fallada ist ein „Rudolstädter Kopf“, weil er hier lernte, dass man aus den Trümmern einer Existenz die wahrhaftigste Literatur erschaffen kann.

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit