Als im Herbst 1989 auch in Rudolstadt immer mehr Menschen Veränderungen forderten, wurde die Stadtkirche St. Andreas zu einem Ort des Austauschs und der politischen Willensbildung. Superintendent Traugott Schmitt öffnete die Kirche für Friedensgebete und Debatten – und drängte zugleich auf Gewaltlosigkeit. Es war der sichtbarste Moment eines Wirkens, das lange zuvor begonnen hatte.
Kirche als Schutzraum
Schmitt wurde am 24. Januar 1931 in Ostpreußen geboren. Krieg, Flucht und Vertreibung führten seine Familie nach Thüringen. Hier studierte er evangelische Theologie und trat 1955 als Vikar im Kreis Sonneberg in den Dienst der Thüringer Landeskirche. Später übernahm er ein Pfarramt im Thüringer Wald.
Sein Berufsweg fiel in eine Zeit wachsender Spannungen zwischen Staat und Kirche. Mit Jugendweihe, Benachteiligungen im Bildungswesen und Druck auf die Junge Gemeinde versuchte die SED, kirchlichen Einfluss zurückzudrängen. Schmitt erlebte, welche Folgen ein offenes christliches Bekenntnis für Jugendliche haben konnte. Er begleitete Betroffene und ihre Familien nicht nur seelsorgerlich, sondern intervenierte auch gegenüber staatlichen Stellen.
Als Superintendent in Rudolstadt erhielt diese Haltung größeres Gewicht. Schmitt leitete den Kirchenkreis, vertrat ihn gegenüber Kirchenleitung und staatlichen Organen und trug dazu bei, kirchliche Räume für Menschen offenzuhalten, die sich staatlicher Bevormundung entziehen wollten.
Widerspruch mit Folgen
Wie weit die Auseinandersetzungen reichen konnten, zeigte 1983 ein Konflikt in Cumbach. Dort sollte Schülerinnen und Schülern das Tragen christlicher Kreuzanhänger im Unterricht untersagt werden. Schmitt wollte das Verbot nicht hinnehmen und bereitete eine Klage gegen die Schulbehörden vor. Er berief sich dabei auf die in der DDR-Verfassung zugesicherte Glaubens- und Gewissensfreiheit. Zu einem regulären Verfahren kam es nicht. Doch allein der Versuch machte deutlich, dass Schmitt bereit war, staatliche Entscheidungen auch mit deren eigenen Rechtsnormen infrage zu stellen.
Der Druck traf zugleich seine Familie. Seine Tochter Constanze verweigerte Pionierorganisation, FDJ und wehrerzieherischen Unterricht. Trotz guter Leistungen blieben ihr Ausbildungsmöglichkeiten in staatlichen Betrieben verschlossen. Schließlich fand sie im Diakonissenhaus Eisenach einen Ausbildungsplatz zur Krankenschwester. Der persönliche Preis für Unangepasstheit war damit auch im Hause Schmitt unmittelbar erfahrbar.
Vermittler im Umbruch
1989 rückte Schmitt schließlich ins Zentrum des politischen Umbruchs in Rudolstadt. Die Stadtkirche wurde zum Versammlungsort, während er zur Besonnenheit mahnte. Nach dem Machtverlust der SED übernahm er am Rudolstädter Runden Tisch eine vermittelnde Rolle zwischen Vertretern des alten Staatsapparats und neuen oppositionellen Kräften. Ziel war ein friedlicher Übergang zu demokratischen kommunalen Strukturen.
Auch danach blieb Schmitt gesellschaftlich aktiv. Er gehörte zu den Initiatoren eines regionalen Diakonievereins und wirkte am Aufbau der Beziehungen zu Bayreuth mit, aus denen die Städtepartnerschaft hervorging. Am 12. Februar 1990 verlieh ihm Rudolstadt das Ehrenbürgerrecht; 1991 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Im Ruhestand engagierte sich Schmitt weiter in Kirche und Öffentlichkeit und hielt die Erinnerung an seine ostpreußische Herkunft wach. Als er im September 2025 im Alter von 94 Jahren starb, endete ein Leben, das eng mit den politischen Brüchen des 20. Jahrhunderts verbunden war. Für Rudolstadt blieb vor allem eine Haltung in Erinnerung: Kirche nicht nur als Institution zu verstehen, sondern dort Verantwortung zu übernehmen, wo Menschen Schutz, Widerspruch und Vermittlung brauchten.