Diesmal machen wir beim „Kopf der Woche“ eine Ausnahme und würdigen gleich zwei Köpfe. Denn Manfred Kiedorf und Gerhard Bätz sind durch ihr Lebensprojekt so untrennbar miteinander verbunden, dass jede einzelne Würdigung unvollständig bliebe. Gemeinsam erschufen sie „Rococo en miniature – Die Schlösser der gepriesenen Insel“: eine Welt im Maßstab 1:50, bevölkert von Königen, Höflingen, Künstlern, Geistlichen und Sonderlingen – und zugleich ein Werk von erstaunlicher handwerklicher Präzision, überschäumender Fantasie und hintergründigem Humor.
Am Anfang stand keine große künstlerische Absicht, sondern Langeweile. Im Winterhalbjahr 1951/52 begegneten sich Kiedorf und Bätz an der Berufsschule in Sonneberg. Beide waren zeichnerisch begabt, beide absolvierten eine Ausbildung zum Gebrauchswerber, und beide fanden wenig Gefallen an Buchhaltung und kaufmännischem Rechnen. Unter der Schulbank begannen sie, aus Halmasteinen Figuren zu formen. Sie erfanden Heere, Herrscher und zwei Reiche: Pelarien und Dyonien. Was wie ein jugendliches Spiel begann, sollte sie mehr als fünf Jahrzehnte begleiten.
Gerade darin liegt das Außergewöhnliche dieses Lebenswerks. Viele Menschen erfinden in ihrer Jugend geheime Welten; nur wenige bewahren sie, lassen sie wachsen und geben ihnen mit solcher Konsequenz Gestalt. Kiedorf und Bätz machten aus einer gemeinsamen Fantasie eine vollständige Kultur. Ihre „gepriesene Insel“ erhielt eine Geschichte, eine Geografie, Dynastien, Religionen, höfische Rituale und sogar eine eigene Sprache, das Pezanische. Jeder neue Einfall zog einen weiteren nach sich. Aus Figuren wurden Gesellschaften, aus Kulissen Residenzen, aus Spott wurde eine feinsinnige Kulturgeschichte im Kleinformat.
Dabei lebten und arbeiteten die beiden Künstler keineswegs ständig Seite an Seite. Ihre Wege trennten sich räumlich schon früh. Kiedorf studierte Bühnenbild in Berlin-Weißensee, arbeitete an der Staatsoper Unter den Linden, zeichnete für das „Mosaik“ und war später als Illustrator und Modellbauer für Film und Museen tätig. Bätz studierte Malerei und Zeichnen in Erfurt und Weimar, wurde Restaurator am Deutschen Spielzeugmuseum Sonneberg und entwickelte jene außerordentliche Genauigkeit, die seine Miniaturen prägt. 1986 wurde er aus der DDR ausgebürgert und arbeitete später als Restaurator in Fulda. Die gemeinsame Welt aber überdauerte Entfernung, politische Brüche und unterschiedliche Berufswege.
Ihr eigentliches Atelier war über lange Zeit der Briefwechsel. Rund 2.500 Briefe werden heute im Thüringer Landesmuseum Heidecksburg bewahrt. Darin berichteten Kiedorf und Bätz nicht nur aus ihrem Alltag. Sie planten Bauvorhaben, verhandelten Verträge, erklärten Kriege, stritten über Glaubensfragen und entwickelten die Biografien ihrer erfundenen Bewohner weiter. Der Brief wurde zum Bauplan, zur Bühne und zum Regierungskabinett. Auf dem Papier hielten zwei Freunde ein Reich zusammen, das in der Wirklichkeit Hunderte Kilometer voneinander entfernt entstand.
Seit 1962 galt für die Bauten der verbindliche Maßstab 1:50. Damit verwandelte sich das Spiel endgültig in eine Form ernsthafter Mikroarchitektur. Die Künstler studierten Kostümkunde, Baugeschichte und höfisches Zeremoniell des 18. Jahrhunderts. Sie bauten Treppenhäuser, Galerien, Festsäle, Bibliotheken, Orangerien und Theater – mit einem Wissen um historische Formen, das jedem Detail Glaubwürdigkeit verleiht. Und doch ist diese Genauigkeit nie Selbstzweck. Wer genauer hinsieht, entdeckt, dass der Prunk immer auch eine Pointe besitzt.
Bätz gab dem westlichen Pelarien mit Schloss Perenz eine monumentale Hauptresidenz. Kiedorf ließ im östlichen Dyonien dagegen eine ganze Landschaft von Schlössern entstehen: Pyrenz, Eulenlust und das Jagdschloss Dyona. So tragen beide Reiche die Handschrift ihrer Schöpfer und bleiben dennoch Teile derselben Insel. Auch hier zeigt sich ihre künstlerische Verbindung: nicht als Gleichförmigkeit, sondern als produktiver Gegensatz. Der eine konzentriert, der andere vervielfacht; der eine ordnet, der andere treibt den Bauboom voran. Gemeinsam entsteht daraus ein Kosmos, der größer wirkt als die Summe seiner Teile.
Vor allem aber ist die gepriesene Insel ein Welttheater. In den Sälen und Gemächern regieren Eitelkeit, Ehrgeiz, Begehren und höfische Umständlichkeit. Da gibt es einen Sachverständigen für zugige Fenster, ungenaue Parkette und schiefe Wände, einen Perückenmacher, der mit Kunst der Haare Rest verdeckt, und einen Jägermeister, dem regelmäßig der Hund davonläuft. Hinter den winzigen Fassaden verbergen sich sehr menschliche Schwächen. Kiedorf und Bätz feiern das Rokoko und nehmen es zugleich liebevoll auseinander. Ihre Satire ist nie kalt; sie blickt mit Vergnügen auf die Komik des Menschen, ganz gleich, wie prächtig er sich kleidet.
Dass dieses Werk heute in Rudolstadt beheimatet ist, erscheint deshalb wie eine glückliche Fügung. 2006 erwarb das Thüringer Landesmuseum Heidecksburg das Lebenswerk und bewahrte es damit vor der Zersplitterung. Seit 2007 sind die Schlösser in der ehemaligen fürstlichen Hofküche dauerhaft zu sehen. Der Ort könnte kaum passender sein: Über den Miniaturreichen liegen die historischen Festsäle und Wohnräume der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt. Reale Residenzkultur und erfundene Hofwelt treten miteinander in Dialog. Das eine zeigt den Anspruch der Macht, das andere ihre fantasievolle, humoristische Spiegelung.
Für Rudolstadt ist „Rococo en miniature“ längst mehr als eine ungewöhnliche Ausstellung. Es ist ein Besuchermagnet und ein unverwechselbarer Teil der kulturellen Identität der Stadt. Vor allem aber erinnert das Werk daran, was entstehen kann, wenn Fantasie nicht als flüchtiger Einfall behandelt wird, sondern als lebenslange Aufgabe. Aus ein paar Halmasteinen unter einer Schulbank erwuchsen Schlösser, Königreiche und ein ganzer Mythos. Aus einer Jugendfreundschaft wurde eine künstlerische Partnerschaft, die Trennung und Zeit überstand.
Manfred Kiedorf starb 2015. Doch die von ihm und Gerhard Bätz geschaffene Insel lebt weiter – in ihren Räumen, Figuren, Briefen und Geschichten, aber auch im Staunen der Besucherinnen und Besucher auf der Heidecksburg. Vielleicht ist das die schönste Pointe ihres Werks: Zwei Künstler bauten eine erfundene Welt, und diese Welt wurde zu einem ganz realen Vermächtnis. Deshalb gehören Manfred Kiedorf und Gerhard Bätz in dieser Woche gemeinsam an die Spitze. Zwei Köpfe, ein Lebensprojekt – und eine gepriesene Insel, die Rudolstadt reicher macht.