Manchmal führt ein Leben weit über die Grenzen der eigenen Stadt hinaus, ohne dass der Mensch, der es lebt, seine Heimat je wirklich verlässt. Bei Johanna Margarete Kellner, die unter dem Namen Annegret Kellner als Schriftstellerin bekannt wurde, war es genau so. Geboren wurde sie am 10. Juli 1892 in Rudolstadt – als sechstes von neun Kindern des Löwenbrauerei-Inhabers Ernst Kellner und seiner Frau Amalie. Ihr Leben begann also mitten in einer bürgerlichen Rudolstädter Familie. Doch ihre geistige Welt reichte später bis an den Nil, zu den Göttern, Mythen und Landschaften des Alten Ägypten.
Der Weg dorthin war keineswegs geradlinig. Früh verlor Annegret Kellner ihren Vater, absolvierte später eine Ausbildung zur Krankenschwester und bestand das staatliche Schwesternexamen. Der Erste Weltkrieg brachte sie, wie viele ihrer Generation, an Grenzen menschlicher Belastbarkeit. Als Krankenschwester trat sie in den Dienst des Vereins der Vereinigten Staaten von Amerika und wurde vom Kriegsausbruch überrascht. Sie kehrte in ihre Heimat zurück, geprägt von Entbehrungen, Verantwortung und den Erfahrungen einer Zeit, in der menschliches Leid allgegenwärtig war.
Gerade diese Erfahrungen scheinen ihren Blick auf Menschen geschärft zu haben. Annegret Kellner kümmerte sich um Schwache und Kranke, besonders um Kinder, die als schwer erziehbar oder unheilbar krank galten. Bemerkenswert ist, dass sie dabei keine Unterschiede zwischen Arm und Reich machte – ein Verhalten, das in den wenigen überlieferten biografischen Berichten ausdrücklich hervorgehoben wird. In einer Zeit, in der soziale Herkunft oft über Chancen entschied, war diese Haltung alles andere als selbstverständlich.
In den 1960er-Jahren wandte sich Annegret Kellner verstärkt der Schriftstellerei zu. Der Schritt zur Kinder- und Jugendliteratur lag nahe, denn durch ihre Arbeit mit Kindern kannte sie deren Sprache, ihre Fantasie, ihre Verletzlichkeit und ihre Sehnsucht nach Geschichten. Ihre Gedichte und kleinen Texte waren beliebt, nicht nur bei jungen Leserinnen und Lesern. Manche ihrer Verse wurden sogar von dem Jenaer Komponisten Heinrich Funk vertont. Zeitgenossen schätzten an ihr besonders ihre Spontaneität und die Fähigkeit, aus dem Stegreif kleine Reime und Geschichten entstehen zu lassen.
Doch ihr eigentliches literarisches Feld wurde ein anderes: das Alte Ägypten. Annegret Kellner entwickelte eine tiefe Faszination für diese Kultur, für ihre Mythen, ihre Bildwelt und ihre religiösen Vorstellungen. Durch die Erzählungen eines ägyptischen Majors, den sie gepflegt hatte, kam sie offenbar früh mit Geschichten aus Ägypten in Berührung. Daraus wuchs eine Leidenschaft, die sie nicht mehr losließ. Sie schrieb Gedichte, Märchen und Novellen in altägyptischem Stil – so überzeugend, dass ihre Texte mitunter für authentische Überlieferungen gehalten wurden.
1954 erschien im Kiepenheuer Verlag Weimar ihr erstes größeres Werk: „Unter dem Schutze der Hathor“, eine Sammlung ägyptischer Märchen und Hymnen. Die Anerkennung reichte weit: Der damalige ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser lud sie nach Ägypten ein, um ihr ein Dankesschreiben zu überreichen. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Annegret Kellner diese Reise jedoch nicht antreten. Sie hatte das Land am Nil nie mit eigenen Augen gesehen – und schrieb dennoch so eindringlich darüber, dass ihre Texte eine eigene poetische Wirklichkeit erschufen.
Besonders wichtig war ihr die Göttin Hathor. In der ägyptischen Mythologie galt Hathor unter anderem als Göttin der Liebe, der Freude, der Fruchtbarkeit und des Himmels. Für Annegret Kellner wurde sie zu einer literarischen Schutzfigur. Ihr zweites Buch, „Im Schatten der Sykomore“, erschien 1965, kurz vor ihrem Tod, im Greifenverlag Rudolstadt. Auch darin verband sie lyrische Passagen, erzählerische Bilder und die Atmosphäre altägyptischer Vorstellungswelten. Die Sykomore, ein in Ägypten bedeutender Baum, wurde bei ihr zum Sinnbild von Schutz, Nahrung und Übergang.
Trotz dieser geistigen Reisen blieb Annegret Kellner Rudolstädterin. Sie lebte in der Külzstraße, pflegte ihre familiären Bindungen und blieb ihrer Heimat verbunden. Ihre Literatur machte sie nicht zur Weltreisenden im äußeren Sinn, wohl aber zu einer Autorin mit weitem Horizont. Sie zeigte, dass Provinz und Weltläufigkeit keine Gegensätze sein müssen. Wer genau hinsieht, wer zuhört, wer sich einfühlt, kann auch von einem Rudolstädter Balkon aus ferne Kulturen literarisch lebendig machen.
Annegret Kellner starb am 14. September 1965 während eines Kuraufenthaltes in Görlitz. Beerdigt wurde sie wenige Tage später auf dem Nordfriedhof in Rudolstadt. 1992 ehrte die Stadt ihre begabte Tochter, indem eine Grundschule in der Trommsdorffstraße den Namen „Annegret-Kellner-Schule“ erhielt. Auch wenn diese Schule nur wenige Jahre später geschlossen wurde, bleibt die Erinnerung an eine Frau, die in Rudolstadt geboren wurde und mit ihrer Fantasie Brücken bis nach Ägypten schlug.
Für den „Kopf der Woche“ ist Annegret Kellner deshalb mehr als eine lokale Schriftstellerin. Sie steht für die Kraft der Vorstellung, für Bildung aus Neugier, für Menschlichkeit im Alltag und für eine Literatur, die Grenzen überschreitet. Ihr Leben erzählt davon, dass große Themen nicht nur in Metropolen entstehen. Manchmal beginnen sie in einer kleinen Straße, in einer stillen Wohnung, in einer Stadt wie Rudolstadt – und führen doch bis zu den Göttern am Nil.
