Mit einer Tasse Tee begann eine Reise durch drei sehr unterschiedliche Lebensgeschichten – und zugleich durch ein Stück Rudolstädter Stadtgesellschaft. Im Rahmen der Interkulturellen Wochen führte am Mittwoch ein Spaziergang durch die Innenstadt zu Menschen, die einst aus anderen Ländern nach Deutschland kamen und heute mit ihren Geschäften längst zum Bild der Rudolstädter Innenstadt gehören.
Die erste Station war bei Amjad, der vor elf Jahren aus Syrien nach Rudolstadt kam. Schon die Begrüßung machte deutlich, was Gastfreundschaft für ihn bedeutet: Die Gruppe wurde herzlich empfangen, Tee und andere Getränke standen bereit – und ablehnen war eigentlich keine Option.
Sein Geschäft ist so vielfältig wie die Geschichten, die sich darin erzählen lassen. Syrische Spezialitäten stehen neben kleineren Möbelstücken, Küchenutensilien und Teppichen. Doch beim Besuch ging es weniger um die Waren als um den Menschen hinter dem Ladentresen und seinen Weg nach Rudolstadt.
Über private Kontakte führte ihn seine Flucht schließlich in die Stadt. Zuvor hatte er andere Stationen in Europa erlebt. In Rudolstadt sei es vor allem die Unterstützung durch den Verein „Neue Nachbarn“ gewesen, die ihm ein Gefühl des Ankommens vermittelt habe. „Die Menschlichkeit in Rudolstadt ist einfach anders, herzlicher. Die Solidarität der Menschen hat etwas in mir ausgelöst“, beschrieb er seine damaligen Erfahrungen.
Für Amjad war früh klar, dass Ankommen für ihn auch bedeutet, selbst aktiv zu werden. Kritisch sieht er es, wenn Menschen viele Jahre in Deutschland leben, ohne die Sprache zu lernen oder Kontakte außerhalb der eigenen Gemeinschaft zu suchen. Für ihn selbst sei es eine Aufgabe gewesen, sich zu zeigen, Teil der Gesellschaft zu werden und als Einzelhändler etwas zu dieser Gesellschaft beizutragen.
Dass dieser Weg keineswegs einfach war, verschwieg er nicht. Der Aufbau einer eigenen Existenz sei ein Kampf gewesen. Behördliche Vorgaben, laufende Kosten und wirtschaftliche Risiken unterschieden sich für ihn nicht von denen anderer Unternehmer. Wichtig war ihm deshalb auch die Feststellung, dass ihm als Geflüchtetem beim Aufbau seines Geschäfts nichts geschenkt worden sei und staatliche Unterstützung für die Gründung zurückgezahlt werden musste.
Heute ist er in Rudolstadt angekommen – nicht nur beruflich. Er fühlt sich in der Stadt wohl, hat hier sein Leben aufgebaut und auch die Liebe gefunden.
Nur wenige Schritte weiter wartete eine ganz andere Geschichte. Van-Du betreibt in der oberen Marktstraße einen Obst- und Gemüseladen. Seit rund 40 Jahren lebt der gebürtige Vietnamese in Deutschland, seit 36 Jahren in Rudolstadt. Er kam als Vertragsarbeiter in die damalige DDR und begann seine Arbeit im CFK. Seit 2006 führt er sein eigenes Geschäft.
Wenn er über Rudolstadt spricht, tut er das mit einem Lächeln und einer bemerkenswert einfachen Bilanz: Die Menschen seien nett und freundlich, das Wetter meistens gut, der Winter gar nicht so kalt und rund um Rudolstadt gebe es wunderschöne Berge.
Auch außerhalb seines Ladens ist er längst Teil des städtischen Lebens. Fußball spielt dabei eine wichtige Rolle. Er ist in einer gemischten Mannschaft mit deutschen und vietnamesischen Spielern aktiv und trifft sich einmal wöchentlich außerdem mit einer vietnamesischen Fußballgruppe. Bei Turnieren treten die Mannschaften auch gegen türkische oder deutsche Teams an. Ein weiteres Hobby ist das Angeln. Dafür zieht es ihn an die Saale oder an die Teiche bei Paulinzella. Mit dem Fang klappe es zwar eher selten, erzählte er augenzwinkernd – als Ausgleich zum Geschäftsalltag genieße er es trotzdem.
Seine Beobachtung: Gerade jüngere Vietnamesinnen und Vietnamesen zieht es häufig zunächst in größere Städte. Doch dort würden viele schnell merken, welche Vorzüge Rudolstadt habe. Er ist überzeugt, dass manche deshalb immer wieder gern zurückkommen: wegen der Ruhe, der Landschaft und der Menschen.
Ganz einfach war auch sein eigener Anfang nicht. Zum Deutschlernen standen ihm lediglich rund 14 Tage Sprachkurs zur Verfügung. Vieles brachte er sich anschließend gemeinsam mit einem Freund bei. Bis heute hadert er gelegentlich mit der deutschen Sprache: Sie sei eben „einfach so schwer“.
So wohl er sich in Rudolstadt fühlt, seine Herkunft bleibt für ihn ein wichtiger Teil seines Lebens. Wenn es möglich ist, besucht er seine Familie in Vietnam. Und für den Ruhestand hat er einen Wunsch: Dann möchte er wieder nach Vietnam zurückkehren. „Heimat ist nun einmal Heimat“, sagt er.
Die nächste Station führte in die untere Marktstraße zu Phu, der dort seit dem Jahr 2000 ein Bekleidungsgeschäft betreibt. Auch er kam 1988 aus Vietnam in die DDR und arbeitete zunächst im CFK, unter anderem als Gruppenleiter.
Seine Haltung zu seiner Wahlheimat lässt sich in drei Worten zusammenfassen: „Ich liebe Rudolstadt.“
Seine Kinder haben die Stadt inzwischen verlassen und leben in Leipzig und Frankfurt am Main. Doch die Verbindung nach Rudolstadt ist geblieben. Zu Weihnachten oder zum Rudolstadt-Festival kommen sie immer wieder zurück.
Phu sprach beim Rundgang aber auch über die Herausforderungen, die sein Alltag als Einzelhändler mit sich bringt. Die Kundschaft in der Innenstadt sei weniger geworden, insbesondere viele jüngere Menschen kauften heute online. Umso wichtiger seien ihm die Beziehungen zu seinen unmittelbaren Nachbarn und den anderen Geschäftsleuten in der Marktstraße. Der Kontakt sei gut, ebenso wie zu vielen seiner Kundinnen und Kunden.
Einen festen Platz in seinem Leben hat ebenfalls der Fußball. Schon als Kind in Vietnam spielte er, heute steht er gemeinsam mit Van-Du und anderen Rudolstädtern auf dem Platz. Dabei geht es längst nicht nur um den Sport. Besonders schätzt er die Zeit danach: wenn die Spieler zusammensitzen und über das Leben, die Arbeit oder die Familie sprechen. Fußball wird so ganz nebenbei zu einem Ort der Begegnung.
Auf die Frage nach seinem Lieblingsplatz in Rudolstadt musste Phu nicht lange überlegen: Es ist die Marktstraße – der Ort, an dem er seit mehr als einem Vierteljahrhundert arbeitet und an dem für ihn ein großes Stück seines Lebens stattfindet.
Eigentlich sollte der Spaziergang auch bei Mustafa vom Usta-Döner Station machen. Doch dort zeigte sich an diesem Tag eine ganz praktische Seite erfolgreichen Einzelhandels: Der Laden war gut besucht und Mustafa so beschäftigt, dass für ein längeres Gespräch kaum Zeit blieb. Viele Rudolstädter dürften ihn ohnehin kennen – nicht zuletzt durch seine herzliche Art und dem Interesse an seinem Gegenüber.
Der Rundgang zeigte damit Integration nicht als abstrakten Begriff, sondern als etwas, das jeden Tag stattfindet: hinter Ladentheken, auf dem Fußballplatz, beim Gespräch mit den Nachbarn, bei einer Tasse Tee oder beim gemeinsamen Plausch nach Feierabend.
Dabei gehören auch Schwierigkeiten zu diesen Geschichten. Eine neue Sprache zu lernen, eine berufliche Existenz aufzubauen, wirtschaftliche Unsicherheiten zu bewältigen oder seinen Platz in einer zunächst fremden Gesellschaft zu finden, geschieht nicht von selbst. Ebenso wenig dürfen Herausforderungen und Probleme im Zusammenhang mit Integration ausgeblendet werden.
Die Begegnungen während des Spaziergangs zeigten aber auch, was möglich ist, wenn Menschen aufeinander zugehen. Aus Menschen, die einmal als Fremde nach Rudolstadt kamen, sind Nachbarn, Geschäftsleute, Fußballkameraden und bekannte Gesichter der Innenstadt geworden. Ihre Geschichten sind verschieden. Gemeinsam ist ihnen, dass Rudolstadt für sie über viele Jahre zu einem Ort geworden ist, an dem sie leben, arbeiten – und sich zu Hause fühlen.
Im Rahmen der Interkulturellen Wochen führte ein Spaziergang durch die Rudolstädter Innenstadt zu Gewerbetreibenden mit Migrationsgeschichte. Amchad aus Syrien sowie die aus Vietnam stammenden Händler Van-Du und Phu berichteten von ihrem Weg nach Rudolstadt, dem Aufbau einer eigenen Existenz, Erfahrungen beim Deutschlernen, ihrem Alltag und dem Zusammenleben in der Stadt. Zwischen Tee, Fußball, Angeln und Gesprächen über die Herausforderungen des Einzelhandels wurde deutlich, dass Integration vor allem dort gelingt, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen und bereit sind, selbst Teil der Gesellschaft zu werden.
