Mit der Reihe „Kopf der Woche“ stellt die Stadt Rudolstadt Persönlichkeiten vor, die hier gelebt, gewirkt und bleibende Spuren hinterlassen haben. Eine von ihnen ist Inge von Wangenheim (1912–1993) – Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin, deren Rudolstädter Jahre eine besonders prägende Phase ihres Lebens und Schreibens wurden.
Zu ihrer Biografie gehört auch eine bekannte filmhistorische Verbindung: In ihren frühen Jahren war Inge von Wangenheim mit Gustav von Wangenheim (1895–1975) verheiratet – einem Schauspieler und Regisseur, der bis heute vor allem durch den Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) bekannt ist. Dort spielte er als Thomas Hutter eine der zentralen Rollen. Beide bewegten sich damals im Umfeld des politisch engagierten Theaters – und beide waren stark links geprägt.
Inge von Wangenheim wurde 1912 in Berlin als Ingeborg Franke geboren. Früh fand sie zum Theater, spielte in linken Bühnenzusammenhängen und machte die Erfahrung, dass Kunst mehr sein kann als Unterhaltung: nämlich Haltung, Zeitdiagnose und Widerspruch. Nach 1933 ging sie ins Exil, lebte und arbeitete in der Sowjetunion, wirkte dort als Schauspielerin und Journalistin und engagierte sich während des Zweiten Weltkriegs im antifaschistischen Umfeld. 1945 kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde in Ost-Berlin Teil des kulturellen Neubeginns – auf der Bühne, als Regisseurin und zunehmend als Autorin.
Genau hier beginnt die Ambivalenz, die ihre Person bis heute interessant – und auch diskutierbar – macht. Inge von Wangenheim gehörte lange zu den überzeugten Stimmen des DDR-Kulturbetriebs. Ihre frühen Bücher sind deutlich politisch geprägt und folgen oft einer klaren, linientreuen Sicht auf Geschichte und Gegenwart. Kritisch wird zudem bewertet, dass sie die dunklen Seiten der Stalinzeit im Exil – Angst, Repression und Schweigen – in ihren Texten kaum thematisierte. In ihrem Lebensweg steckt damit nicht nur das große Jahrhundertdrama, sondern auch die Frage, wie eine Künstlerin mit Nähe zur Macht, mit Loyalität und mit blinden Flecken umgeht.
Ende 1961 zog Inge von Wangenheim nach Rudolstadt und lebte hier bis 1974. Der Schritt aus dem Hauptstadtbetrieb in die Residenzstadt unter der Heidecksburg war ein Neuanfang – privat wie künstlerisch. In Rudolstadt fand sie Ruhe und Konzentration, aber auch ein genaueres Gespür für Alltagswirklichkeit. In dieser Zeit veröffentlichte sie mehrere Werke, teils im Rudolstädter Greifenverlag, und entwickelte ihren Ton spürbar weiter: weg von der reinen Belehrung, hin zu Beobachtung, Ironie und Satire, zu Figuren, die weniger „Schema“ sind und mehr Mensch.
Diese Thüringer Prägung wird besonders greifbar im späteren Roman „Die Entgleisung“. Die Handlung spielt zwar in einem fiktiven Ort, atmet aber genau jene kleinstädtisch-ländliche Atmosphäre, die man aus der Region kennt: Nähe und Kontrolle, Gerüchte und Moral, Funktionärslogik und Alltag – alles eng beieinander. Ausgelöst wird das Geschehen durch ein skurriles Ereignis: Ein Güterwaggon entgleist und löst mit seinem pikanten Inhalt Aufruhr aus. Wangenheim nutzt diese Ausgangslage, um ein ganzes Panorama an Reaktionen zu zeichnen – zwischen Empörung, Opportunismus, Bigotterie und pragmatischem Wegsehen. Der Roman wird damit zu einer treffenden Satire auf den DDR-Alltag: nicht von außen herab, sondern von innen erzählt, mit Humor und dem Blick für menschliche Schwächen.
Auch wenn sie nach ihrer Bühnenzeit vor allem als Autorin wirkte, blieb Rudolstadt für sie ein wichtiger Ort: Es gibt in ihrem Nachlass Hinweise auf Kontakte zu Institutionen vor Ort, darunter auch zum damaligen Thüringer Landestheater Rudolstadt.
Bis heute ist ihr Name in Rudolstadt präsent: Ihr Nachlass wird im Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt bewahrt.
Inge von Wangenheim steht als „Kopf der Woche“ für eine Persönlichkeit, die nicht in ein einfaches Bild passt: geprägt von großen historischen Brüchen, von Überzeugung und späterer Reibung daran – und von einer Schaffensphase in Rudolstadt, in der aus der politischen Theaterfrau und Staatsautorin eine Erzählerin wurde, die den Alltag genauer, spitzer und menschlicher beschreiben konnte.
