Wer heute durch Schwarza fährt, sieht einen Industriestandort, der sich verändert hat und doch an seine Vergangenheit anknüpft. Neue Straßen, moderne Gewerbebauten, Unternehmen aus Chemie, Kunststoffverarbeitung, Papier und Fasertechnik prägen das ehemalige Werksgelände. Die große Zeit des Chemiefaserkombinats ist vorbei. Verschwunden ist der Betrieb aber nicht. Er hat sich gewandelt.
Mit dieser Geschichte ist der Name Erich Correns eng verbunden.
Correns kam nicht als Rudolstädter zur Welt. Geboren wurde er 1896 in Tübingen, geprägt von einem wissenschaftlichen Elternhaus. Sein Vater Carl Correns gehörte zu den bekannten Genetikern seiner Zeit. Erich Correns selbst studierte Chemie, Botanik und Physik, promovierte 1922 und arbeitete danach in der chemischen Industrie. Sein Fachgebiet waren Cellulose, Kunstfasern und technische Faserstoffe – also genau jene Materialien, die Schwarza später über Jahrzehnte prägen sollten.
Nach Stationen in der Industrie übernahm Correns 1937 die Leitung beim Aufbau der Zellwolle- und Kunstseide GmbH in Rudolstadt-Schwarza. Das Werk entstand in einer Zeit, in der die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik Deutschland unabhängiger von Rohstoffimporten machen wollte. Kunstfasern waren deshalb nicht nur ein technisches Produkt. Sie waren Teil einer großen industriellen Strategie. Schwarza wurde zu einem Standort, an dem Forschung, Produktion und staatliche Planung eng ineinandergriffen.
Für Rudolstadt war dieses Werk ein Einschnitt. Schwarza war zuvor ein Ortsteil mit eigener Geschichte, mit Landwirtschaft, Handwerk, Verkehr und kleineren Gewerben. Mit der Zellwolleproduktion begann eine neue Phase. Menschen fanden Arbeit, Fachkräfte wurden gebraucht, Infrastruktur entstand. Das Werk veränderte den Ort, den Alltag und das Selbstverständnis der Region. Aus Schwarza wurde ein Industriestandort von überregionaler Bedeutung.
Correns war in dieser Entwicklung mehr als ein Verwalter. Er brachte Fachwissen mit, das für den Aufbau eines solchen Betriebes entscheidend war. Die Produktion von Kunstfasern verlangte chemische Erfahrung, technisches Verständnis und Organisationstalent. Correns verband diese Fähigkeiten. Er kannte die Industrie, aber auch die wissenschaftlichen Grundlagen. Gerade deshalb war er für Schwarza wichtig: Er half, einen Standort aufzubauen, der später zu einem der bekanntesten Chemiefaserzentren der DDR werden sollte.
Sein Weg in Schwarza blieb nicht geradlinig. 1939 gab Correns die aktive Betriebsleitung ab, nachdem er in Konflikt mit den politischen und betrieblichen Vorgaben der NS-Zeit geraten war. Ganz verschwand er aus Schwarza jedoch nicht. Sein Wissen wurde weiter gebraucht. Auch während der Kriegsjahre arbeitete er wissenschaftlich zu Cellulosefasern und technischen Zellstoffen.
Nach 1945 begann für das Werk ein neues Kapitel. Correns stellte sich dem industriellen Wiederaufbau zur Verfügung. Er leitete zunächst die Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal, arbeitete bei der thüringischen Industriedirektion Zellstoff und Papier und kehrte 1948 als Werkleiter nach Schwarza zurück. Das war eine entscheidende Zeit. Die Produktion musste unter schwierigen Bedingungen wieder anlaufen, Fachkräfte mussten gehalten, Abläufe neu geordnet und politische Vorgaben umgesetzt werden.
1950 wurde das Werk in „VEB Thüringisches Kunstfaserwerk ‚Wilhelm Pieck‘ Schwarza“ umbenannt. Nach der Eingemeindung Schwarzas nach Rudolstadt trug es die Bezeichnung „VEB Thüringisches Kunstfaserwerk ‚Wilhelm Pieck‘ Schwarza in Rudolstadt/Thür.“ Um 1950 wurde dort die erste Perlon-Feinseidenfabrikation der DDR aufgebaut, später bekannt unter der Marke Dederon.
Damit wurde Schwarza zu einem Namen, den viele Menschen in der DDR kannten. Dederon, Kunstseide, Chemiefasern – das waren keine abstrakten Industrieprodukte. Sie steckten in Kleidung, Strümpfen, Stoffen, technischen Geweben und vielen Alltagsgegenständen. Was in Schwarza entwickelt und produziert wurde, kam in Haushalten, Betrieben und Geschäften an.
Aus dem Werk entstand später ein großer Kombinatsstandort. Das Chemiefaserkombinat „Wilhelm Pieck“ Schwarza bündelte Betriebe und Produktionszweige der DDR-Chemiefaserindustrie. Es war Arbeitgeber, Ausbildungsstätte und sozialer Raum zugleich. Viele Familien in Rudolstadt und Umgebung hatten über Generationen eine Verbindung zum Werk. Wer dort nicht selbst arbeitete, kannte jemanden, der dort beschäftigt war.
Auch die Forschung blieb in Schwarza wichtig. 1954 wurde dort das Institut für Textiltechnologie der Chemiefasern gegründet. Das zeigt, wie eng Produktion und Entwicklung am Standort verbunden waren. Schwarza war nicht nur ein Ort, an dem Maschinen liefen. Dort wurde auch daran gearbeitet, Fasern besser, haltbarer und vielseitiger zu machen.
Nach der deutschen Einheit kam der tiefe Bruch. Das frühere Kombinat konnte in seiner alten Form nicht weiterbestehen. 1993 ging die Thüringische Faser AG, die aus dem früheren Werk hervorgegangen war, in die Gesamtvollstreckung. Für viele Beschäftigte war das eine harte Erfahrung. Arbeitsplätze gingen verloren, Lebensläufe wurden unterbrochen, ein vertrauter Betrieb zerfiel. Solche Einschnitte prägen eine Stadt lange. Sie stehen nicht nur in Akten, sondern auch in Familiengeschichten.
Und doch ist Schwarza kein verlassenes Kapitel der Industriegeschichte. Der Standort wurde neu entwickelt. Heute gehört der Industrie- und Gewerbepark Rudolstadt-Schwarza zu den wichtigen Industrieflächen Thüringens. Nach Angaben der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen sind dort rund 40 Unternehmen mit zusammen etwa 1.200 Beschäftigten ansässig, darunter BASF Performance Polymers, die Papierfabrik Adolf Jass, smartpolymer, LATICO Germany und STFG Filamente.
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, wenn man heute auf Erich Correns blickt. Seine Bedeutung für Rudolstadt liegt nicht allein in einzelnen Ämtern oder Auszeichnungen. Sie liegt darin, dass er zu den Personen gehörte, die Schwarza als Chemiefaserstandort aufgebaut und fachlich geprägt haben. Aus dieser Grundlage entwickelte sich ein Betrieb, der die Stadt über Jahrzehnte wirtschaftlich, sozial und kulturell beeinflusste.
Natürlich bleibt Correns eine widersprüchliche Persönlichkeit. Seine spätere Rolle in der DDR, vor allem als Präsident des Nationalrates der Nationalen Front, gehört zu seiner Biografie. Sie lässt sich nicht ausblenden. Ebenso wenig darf man seine persönliche Geschichte übergehen: Seine Ehefrau Margot Correns wurde 1944 von der Gestapo verhaftet und starb einen Tag später im Gestapogefängnis in Erfurt. Diese Erfahrung prägte seinen Blick auf die Nachkriegszeit tief.
Für Rudolstadt aber ist ein anderer Blick besonders naheliegend: der auf den Chemiker, Werkleiter und Aufbauhelfer in Schwarza. Correns steht für eine Zeit, in der aus einem Ortsteil ein bedeutender Industriestandort wurde. Das Werk bot Arbeit, schuf Fachwissen, brachte Forschung in die Region und machte Rudolstadt-Schwarza weit über Thüringen hinaus bekannt.
Heute erinnert der Erich-Correns-Ring in Rudolstadt an diesen Namen. Man kann darüber diskutieren, wie man historische Persönlichkeiten bewertet. Das ist richtig und notwendig. Aber man sollte dabei sehen, warum Correns für die Stadt überhaupt erinnerungswürdig wurde: wegen seiner Verbindung zu Schwarza, wegen seines Beitrags zur Faserstoffchemie und wegen einer Industriegeschichte, die bis heute Spuren hinterlässt.
Schwarza ist nicht mehr das Werk von damals. Aber ohne das Werk von damals wäre der heutige Industrie- und Gewerbepark kaum zu verstehen. Genau an dieser Stelle berührt die Biografie von Erich Correns die Geschichte Rudolstadts. Nicht als ferne Fußnote, sondern als Teil der Stadtentwicklung.
