Mit tiefer Betroffenheit hat die Stadt Rudolstadt die Nachrichten über den verheerenden Brand auf der Runneburg in Weißensee in der Nacht des 26. März aufgenommen. Bei dem Feuer wurde die sogenannte „Alte Küche“ der Burganlage vollständig zerstört. Nach aktuellem Kenntnisstand fielen den Flammen dabei auch elf historische Holzsärge des Hauses Schwarzburg-Rudolstadt mitsamt den sterblichen Überresten der Verstorbenen zum Opfer.
Die historische Odyssee des Erbes
Der Verlust dieser Särge markiert das Ende einer über achtzigjährigen Odyssee. Ursprünglich befand sich die dynastische Grablege in der Krypta der Schlosskirche von Schloss Schwarzburg, dem Stammsitz des Fürstenhauses. Im Zuge der nationalsozialistischen Umbaupläne von Schloss Schwarzburg zu einem „Reichsgästehaus“ zwischen 1940 und 1942 wurde die Schlossanlage teilweise abgerissen und die letzte Fürstin, Anna Luise von Schwarzburg, gezwungen, ihren Wohnsitz zu verlassen.
In dieser Zeit wurden die Särge aus der Schwarzburger Gruft in die Stadtkirche St. Andreas nach Rudolstadt überführt. Da die dortige Gruft der Schwarzburg-Rudolstädter Grafen räumlich nicht für diese zusätzliche Anzahl an Bestattungen ausgelegt war, mussten die Särge dort über Jahrzehnte hinweg übereinander gestapelt gelagert werden. Auch Fürstin Anna Luise fand nach ihrem Tod im Jahr 1951 in Sondershausen ihre letzte Ruhestätte in dieser Gruft unter der Rudolstädter Stadtkirche.
Umlagerung zur Sanierung im Jahr 2022
Im Zuge notwendiger Sanierungsarbeiten an der Gruft der Stadtkirche St. Andreas wurden die elf Särge am 22. August 2022 aus Rudolstadt nach Weißensee auf die Runneburg verbracht. Diese Maßnahme war als Zwischenlösung konzipiert. Ziel der Bemühungen war es, für die Gebeine langfristig wieder einen würdigen und dauerhaften Platz in ihrem historischen Kontext zu finden. Laut Bürgermeister Jörg Reichl war eine Rückführung in die angestammte Grablege auf Schloss Schwarzburg geplant, sobald die dortigen baulichen Voraussetzungen dies zugelassen hätten.
Ein Verlust für das kulturelle Gedächtnis
Durch den Brand, der nach polizeilichen Ermittlungen vermutlich durch einen technischen Defekt ausgelöst wurde, sind diese Pläne nun hinfällig geworden. „Für die Stadt Rudolstadt als ehemalige Residenzstadt ist dies ein überaus schmerzlicher Moment“, beschreibt es Jörg Reichl. „Die Särge waren nicht nur bedeutende kunsthistorische Zeugnisse der feudalen Bestattungskultur, sondern vor allem die letzte materielle Verbindung zu den Persönlichkeiten, die die Geschichte unserer Region über Jahrhunderte geprägt haben.“
Die Stadt Rudolstadt wird nun in enger Abstimmung mit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten sowie dem Land Thüringen prüfen, in welcher Form ein würdiges Gedenken an die verstorbenen Regenten und Familienmitglieder des Hauses Schwarzburg-Rudolstadt künftig gestaltet werden kann. Das Ziel bleibt es, die Erinnerung an dieses identitätsstiftende Erbe auch ohne die physischen Zeugnisse für kommende Generationen lebendig zu halten.
