Die Stadt Rudolstadt ist weit über die Grenzen Thüringens hinaus als Residenzstadt und Ort der Klassik bekannt. Doch ein Kapitel ihrer Geschichte verbindet sie auf einzigartige Weise mit der Weltpolitik des 20. Jahrhunderts: der Aufenthalt von François Mitterrand. Was im Herbst 1940 als Zeit der Entbehrung und Gefangenschaft begann, legte den Grundstein für die politische Vision eines Mannes, der von 1981 bis 1995 als 21. Präsident der Französischen Republik die Geschicke Europas maßgeblich mitgestalten sollte.
Mitterrands Weg nach Rudolstadt war von den Wirren des Zweiten Weltkriegs gezeichnet. Nach seiner Verwundung bei Verdun im Juni 1940 geriet er in deutsche Gefangenschaft und wurde schließlich im Oktober 1940 nach Schaala überstellt. Untergebracht im Tanzsaal der Gaststätte „Zur Mühle“ sowie in der ehemaligen Porzellanfabrik Voigt, erlebte er das harte Los der Zwangsarbeit im Straßenbau und in der Landwirtschaft auf dem Hof der Familie Enke. Doch Rudolstadt war für den hochgebildeten jungen Mann mehr als nur ein Ort der Arbeit. Da Mitterrand bereits damals ein tiefes Interesse an der deutschen Geistesgeschichte hegte und über beachtliche Sprachkenntnisse verfügte, ergaben sich Episoden, die seinen Aufenthalt in ein fast surreales Licht rückten. Ein lokaler Tischler, mit dem er sich gut verständigen konnte, führte den französischen Gefangenen durch die Rudolstädter Altstadt und zeigte ihm sogar das Schillerhaus. Diese Begegnung war für Mitterrand so prägend, dass er ihr später eine eigene Episode in seinen Memoiren widmete. Es ist ein Zeugnis seiner intellektuellen Neugier, dass er inmitten der Unfreiheit die Nähe zum Geist Schillers suchte – ein Moment, der sein späteres Deutschlandbild als Land der Kultur und nicht nur der Barbarei festigte.
Sein Freiheitsdrang blieb dennoch ungebrochen. Erst im dritten Anlauf gelang ihm im Dezember 1941 die endgültige Flucht aus Schaala zurück in seine Heimat. Doch die Stadt am Fuße der Heidecksburg ließ ihn nicht los. Exakt vier Jahrzehnte später, am 5. März 1981, kehrte er als französischer Präsidentschaftskandidat an der Seite von Willy Brandt zurück. Dieser Besuch war eine hochemotionale „Pilgerfahrt“: Er spazierte über den Marktplatz, kehrte im Hotel „Zum Löwen“ ein und besichtigte das Gebäude in Schaala, aus dem ihm einst die Flucht geglückt war. In Gesprächen mit DDR-Vertretern lobte er ausdrücklich, dass in Rudolstadt alljährlich der Opfer des Faschismus gedacht werde. Nur zwei Monate nach diesem Besuch wurde er zum Präsidenten gewählt.
Heute ist dieses Erbe in Rudolstadt lebendiger denn je. In Schaala hat Jörg Thielicke das Gelände der alten Porzellanfabrik, in der Mitterrand interniert war, mit großem Engagement saniert und dort die „Heimatstube Schaala“ eingerichtet. Diese private Ausstellung bewahrt wertvolle Exponate zur regionalen Geschichte und zur Zeit der Gefangenschaft auf und macht den historischen Ort für Besucher greifbar. Das offizielle Gedenken erreichte im Juli 2020 einen neuen Höhepunkt, als Hubert Védrine, der langjährige Vertraute Mitterrands und ehemalige französische Außenminister, nach Rudolstadt reiste. Védrine, der heute die „Fondation François Mitterrand“ in Paris leitet, trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein und weihte gemeinsam mit Bürgermeister Jörg Reichl vier Gedenktafeln in Schaala ein. Bei diesem Festakt kamen auch lokale Zeitzeugen wie der Historiker Horst Fleischer und der Kammersänger Roland Hartmann zu Wort, die Mitterrands Besuch von 1981 noch selbst miterlebt hatten.
Den vorläufigen Abschluss dieser Erinnerungskultur bildet ein besonderes Denkmal, das im letzten Jahr, am 4. Juli 2025, während des Rudolstadt-Festivals vor dem Rathaus enthüllt wurde. Es handelt sich um eine Gedenkplatte, die an den weltberühmten Handschlag zwischen Mitterrand und Helmut Kohl in Verdun erinnert. Das Herzstück der Platte ist ein Originalpflasterstein vom Vorplatz des Beinhauses von Douaumont, auf dem die beiden Staatsmänner 1984 tatsächlich standen. Olivier Gérard, der Direktor der Stiftung Beinhaus von Douaumont, überreichte diesen Stein persönlich als „Stück Douaumont“ und bezeichnete Rudolstadt als Teil eines „Leuchtfeuers auf dem Weg zum Frieden“.
François Mitterrands Geschichte in Rudolstadt ist eine Erzählung von der Kraft der Versöhnung. Vom Gefangenen, der sich für Schillers Erbe begeisterte, bis zum Präsidenten, der gemeinsam mit Deutschland die Vision eines geeinten Europas verwirklichte, zieht sich ein roter Faden durch unsere Stadt. Rudolstadt ist damit nicht nur ein Ort der Geschichte, sondern ein lebendiges Symbol für die Freundschaft zwischen zwei Völkern, die sich einst als Feinde gegenüberstanden und hier den Weg zueinander fanden.
