In der Reihe „Rudolstädter Köpfe“ stellen wir Persönlichkeiten vor, die das Gesicht unserer Stadt geprägt haben und deren eigenes Leben untrennbar mit der Atmosphäre an der Saale verwoben ist. Einer, der wie kaum ein anderer den Spagat zwischen technischer Präzision und satirischer Leichtigkeit meisterte und Rudolstadt über vier Jahrzehnte zu seiner geistigen Festung machte, war Matthias Biskupek.
Als Matthias Biskupek am 11. April 2021 die „Bühne des Lebens“ verließ, verlor Rudolstadt nicht nur einen seiner produktivsten Schriftsteller, sondern einen Bürger im besten Sinne des Wortes – einen, der die Stadt ebenso kritisch wie liebevoll sezierte. Geboren 1950 im sächsischen Chemnitz und aufgewachsen in Mittweida, war er eigentlich Diplomingenieur für Technische Kybernetik. Doch dieser fachfremde Hintergrund sollte zum Fundament seines literarischen Wirkens werden: Er betrachtete die Gesellschaft wie ein komplexes System, dessen Fehlsteuerungen und Absurditäten er mit der Genauigkeit eines Technikers und dem Witz eines Kabarettisten bloßstellte.
Der Weg in die „Bratwurschtbude“
Biskupeks Beziehung zu Rudolstadt begann bereits 1976, als er als Regieassistent an das hiesige Theater kam. Es war eine Zeit, in der das Haus im Volksmund noch respektvoll-ironisch als „Bratwurschtbude“ tituliert wurde. Nach einem Zwischenspiel als Dramaturg am Geraer Kabarett „Fettnäppchen“ zog es ihn 1983 endgültig zurück in die Stadt unter der Heidecksburg, wo er fortan als freischaffender Autor lebte.
Rudolstadt bot ihm jene „einsame Geselligkeit“, die er für seine Arbeit brauchte. In seiner Wohnung in der Schillerstraße, nur einen Steinwurf vom Schillerhaus entfernt, fand er die Stabilität für ein immenses Werk: Über 40 Bücher, hunderte Radiofeatures und unzählige Kolumnen für das Satireblatt Eulenspiegel entstanden hier.
Ein Aktivist für die Kultur der Provinz
Matthias Biskupek war kein Autor, der sich im Elfenbeinturm versteckte. Er war ein „Aktivist“ für die kulturelle Infrastruktur seiner Wahlheimat. Als langjähriger Vorsitzender des Theaterfördervereins kämpfte er leidenschaftlich für den Erhalt des Ensembles und eine angemessene Finanzierung. Er wusste: Eine Stadt ohne lebendige Bühne verliert ihre Seele.
Besonders tief war seine Verwurzelung in der regionalen Buchkunst. Die jahrzehntelange Freundschaft mit Jens Henkel führte zu 17 gemeinsamen Buchkunstprojekten in der „burgart-presse“. Diese bibliophilen Kostbarkeiten, die heute in Weltmuseen wie dem MoMA in New York stehen, trugen den Namen Rudolstadts weit über die Landesgrenzen hinaus.
Rudolstadt als literarische Heimat und Reibungsfläche
Wie sehr die Stadt auf seine Biografie wirkte, zeigt sich in seinem Engagement als Stadtvermittler. Seine Anekdoten bei Spaziergängen durch das Schillerhaus waren legendär. Er betrachtete die thüringische Klassik nicht als museales Erbe, sondern als lebendige Reibungsfläche für die Gegenwart. In seinem letzten vollendeten Werk, dem ersten Band der „Rudolstädter Schriften“ mit dem Titel Das literarische Rudolstadt, setzte er der Stadt ein Denkmal, indem er die Spuren bedeutender Literaten in unserer Region akribisch nachzeichnete.
Er selbst blieb dabei immer ein Grenzgänger. Er genoss die Ruhe Thüringens, brauchte aber auch die Dynamik seines Zweitwohnsitzes in Berlin-Prenzlauer Berg, um den nötigen „Blick von draußen“ zu bewahren. In seinen Texten über die „Beuteldeutschen“ oder den „Quotensachsen“ wurde er zum Chronisten der Nachwendezeit, der den Ostdeutschen half, die Absurditäten der neuen Zeit durch Lachen zu verarbeiten.
Ein Vermächtnis aus Geist und Witz
Matthias Biskupek verkörperte eine seltene Mischung aus Weltläufigkeit und tiefer Heimatverbundenheit. Er bewies, dass man in der thüringischen Provinz leben kann, ohne provinziell zu sein. Sein Wirken hat gezeigt, dass Rudolstadt ein Ort ist, der wache Geister inspiriert und ihnen den nötigen Halt gibt, um die Welt mit spitzer Feder zu erklären.
Wir erinnern uns an ihn als einen „Rentnerlehrling“, der bis zuletzt neugierig blieb und dessen Worte – wie eine postume Buchveröffentlichung treffend titelt – kein Verfallsdatum kennen. Matthias Biskupek bleibt ein unverzichtbarer Teil der Rudolstädter Geistesgeschichte – ein Kopf, der uns gelehrt hat, dass der schönste Platz oft dort ist, wo man mit scharfem Verstand und offenem Herzen auf seine Umgebung blickt.
