Die Geschichte der Stadt Rudolstadt ist reich an bedeutenden Persönlichkeiten, doch kaum ein Lebensweg ist so außergewöhnlich und kontrastreich wie der von Emily Ruete. Geboren als Sayyida Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar, führte sie ihr Weg aus den glanzvollen Sultanspalästen des Indischen Ozeans in die bürgerliche Beschaulichkeit Thüringens. In Rudolstadt fand sie nicht nur eine Zuflucht, sondern auch die Inspiration für ein Werk, das als erste Autobiografie einer arabischen Frau Weltruhm erlangen sollte.
Von den Palästen Sansibars in den Norden
Sayyida Salme wurde am 30. August 1844 im Palast Beit il Mtoni bei Sansibar als Tochter des Sultans Said bin Sultan und einer tscherkessischen Sklavin geboren. Ihre Kindheit war geprägt von orientalischem Luxus, aber auch von einem frühen Drang nach Selbstbestimmung: Heimlich brachte sie sich selbst das Schreiben bei – eine Fähigkeit, die für Frauen in ihrer Kultur damals unüblich war.
Ihr Leben änderte sich radikal, als sie sich in den 1860er Jahren in den Hamburger Kaufmann Rudolph Heinrich Ruete verliebte. Um einer drohenden Strafe für diese interkulturelle Beziehung zu entgehen, floh sie 1866 unter dramatischen Umständen nach Aden, ließ sich christlich taufen und nahm den Namen Emily an. Doch das Familienglück in Hamburg war von kurzer Dauer: Nur drei Jahre nach der Ankunft in Deutschland verunglückte ihr Ehemann 1870 tödlich. Mit nur 25 Jahren blieb Emily Ruete als mittellose Witwe mit drei kleinen Kindern in einer fremden Gesellschaft zurück, die sie als exotische Außenseiterin oft mied.
Die Rudolstädter Jahre: Leben im Schatten der Heidecksburg
Auf der Suche nach einem kostengünstigen Ort für die Erziehung ihrer Kinder zog Emily Ruete im Jahr 1877 nach Rudolstadt. Hier mietete sie eine Wohnung im Haus des Rentiers Fritz in der heutigen Schwarburger Chaussee (damals Hausnummer 592), einem Gebäude, das heute zwar nicht mehr existiert, aber einen direkten Blick auf das Schloss Heidecksburg bot.
Das Leben in der Kleinstadt war für die „exotische“ Prinzessin nicht immer einfach, da die Rudolstädter Damenwelt Emily Ruete sehr genau beobachtete. Es wird berichtet, dass man in der Nachbarschaft genauestens registrierte, wie lange sie ihre Kleider trug, wann sie sich eine neue Schleife kaufte und welche ungewohnten Gerüche aus ihrer Küche drangen. Im Gegensatz zur kritischen Beobachtung durch die Bürger wurde ihr Rang als Prinzessin am Hofe der Schwarzburger anerkannt. Emily war ein regelmäßiger Gast auf Schloss Heidecksburg. Eine besondere Anekdote betrifft Fürst Georg, der ein deutliches Interesse an ihr gezeigt haben soll. Seine Annäherungsversuche – der Fürst war bekannt für seine Vorliebe für Uniformen – empfand die zurückhaltende Emily jedoch als unangenehm. Rudolstadt war auch der Ort einer wichtigen familiären Entdeckung: Während Emily versuchte, ihre Kinder als deutsche Bürger zu erziehen, erfuhren diese erst in der Rudolstädter Schule durch Lehrer und Mitschüler von ihrem königlichen Status.
Weltpolitik: Die Prinzessin als Spielball Bismarcks
Emily Ruetes Schicksal war jedoch weit mehr als eine private Lebensgeschichte; sie wurde zur Akteurin auf der Bühne der Weltpolitik. Reichskanzler Otto von Bismarck erkannte das Potenzial der Prinzessin für die deutschen Kolonialbestrebungen in Ostafrika.
Bismarck nutzte Emily Ruetes Erbansprüche auf Sansibar als diplomatischen Hebel, um Druck auf ihren Bruder, den Sultan Barghash, auszuüben. Es gab sogar Spekulationen, ihren Sohn Rudolph Said als pro-deutschen Sultan zu installieren. Im Jahr 1885 wurde sie im Rahmen einer deutschen Flottendemonstration nach Sansibar gebracht, um deutsche Interessen zu legitimieren. Emily Ruete musste jedoch schmerzlich erfahren, dass sie für die deutsche Politik nur ein „Faustpfand“ war. Nachdem der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 die Gebietsansprüche zwischen Deutschland und England klärte, verlor die Regierung jegliches Interesse an ihr. Tief desillusioniert wandte sie sich später von Deutschland ab und lebte zeitweise im Orient.
Ein Erbe voller Ambivalenzen: Kritik und Reflexion
So mutig Emily Ruete patriarchale Grenzen überschritt, so sehr blieb sie ein Kind ihrer Herkunft und Zeit. Heute wird ihr Werk zunehmend kritisch hinterfragt. In ihren Memoiren verteidigte sie das System der Sklaverei in Sansibar und stellte es als „humaner“ dar als die soziale Not der Arbeiter in den europäischen Fabriken. Zudem finden sich in ihren Texten rassistische und abwertende Äußerungen gegenüber schwarzen Afrikanern, die ihre aristokratische und koloniale Prägung widerspiegeln.
Diese Kontroversen führten im Jahr 2022 dazu, dass in Hamburg ein nach ihr benannter Platz umbenannt wurde. Diese kritische Auseinandersetzung schmälert nicht ihre Bedeutung als literarische Pionierin, mahnt uns aber, ihre Biografie im Kontext der kolonialen Machtstrukturen des 19. Jahrhunderts zu lesen.
Die Wiege der Weltliteratur
Trotz aller Widersprüche bleibt Rudolstadt der Ort, an dem aus dem Schmerz des Exils Weltliteratur wurde. Gegen das tiefe Heimweh nach den Gewürzinseln ihrer Heimat begann Emily Ruete in ihrer Wohnung in Rudolstadt mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen.
Diese Arbeit mündete 1886 in der Veröffentlichung ihrer „Memoiren einer arabischen Prinzessin“. Das Werk gilt heute als die erste veröffentlichte Autobiografie einer arabischen Frau überhaupt. Mit ihrem Buch wollte sie den gängigen europäischen Vorurteilen über den Orient entgegentreten und ein authentisches Bild ihrer Kultur vermitteln.
Vermächtnis und Gedenken
Emily Ruete verstarb am 29. Februar 1924 im Alter von 80 Jahren in Jena. Ihr Grab befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, wo sie – ihrem Wunsch entsprechend – mit einem Säckchen Sand aus Sansibar beigesetzt wurde.
Für Rudolstadt bleibt Emily Ruete eine faszinierende, wenn auch ambivalente Figur. Sie verkörpert die Verbindung zwischen der Thüringer Residenzkultur und der globalen Weltgeschichte. Wer heute zur Heidecksburg hinaufblickt, kann sich vorstellen, wie einst eine Prinzessin aus dem fernen Sansibar denselben Blick genoss und hier die Kraft fand, ihre einzigartige und streitbare Geschichte für die Welt festzuhalten.
