Thüringer Porzellan war einst und nur zu wenigen Teilen heute noch ein Inbegriff für Innovation, Wirtschaft- und Schöpferkraft, Industriekultur und Facettenreichtum.
Zählte man 1895 im Deutschen Reich 1536 Porzellanbetriebe, so lagen davon alleine 878 in Thüringen. Von 34 644 Beschäftigten arbeiteten 15 762 in diesem Produktionsbereich. Thüringen war als kleines Land neben Oberfranken und Schlesien der Hauptsitz und das wichtigste Zentrum der deutschen Porzellanindustrie. 1907 waren rund 61% ihrer Betriebe und 44% der Beschäftigten in Thüringen beheimatet. Dramatisch dagegen der Zerfall in den letzten 36 Jahren. Heute existieren von diesen einst 878 Betrieben nur noch 4 im Freistadt!
Noch besteht die Chance, Thüringens einzigartige Vielfalt einer Manufaktur- und Fertigungskultur des Porzellans wahrzunehmen und zu sichern. Das betrifft das gesamte Spektrum der Herstellungsweisen: die künstlerische Atelierfertigung, die manufakturell-kunsthandwerklichen Produktionsstätten (Volkstedt, Lippelsdorf ) die semimanufakturell-industriellen Unternehmen (Reichenbach, Kahla) und darüber hinaus die hochspezialisierten technischen Keramikbetriebe (im Bereich der Ingenieurkeramik, der Hochleistungswerkstoffe). Wobei hier anzumerken ist, dass die Keimzellen für diese (Zukunfts-)Technologien fast immer in den klassischen Porzellanfabriken und -standorten lagen. Es gab schon früh das Bestreben, neben der Produktion von Figuren, Tellern und Tassen etc. in neue Produktbereiche, Anwendungen und Absatzfelder vorzudringen. Mehr und mehr verselbständigte sich die elektrotechnische Porzellan- und Isolatorenfertigung zu innovativen und bedeutenden Branchenstandorten. Diese frühe produktkulturelle Vielfalt und technologische Innovationsbereitschaft, dieser historische Wandel der keramischen Industriekultur in Thüringen ist ein bedeutendes Erbe und Alleinstellungsmerkmal im europäischen Maßstab. Und: nirgends in Europa gab es so eine Dichte und Vielfalt des Figurenporzellanschaffens!
Thüringen spielte immer eine zentrale und auch führende Rolle im Spektrum europäischer Porzellanzentren bezogen auf Größe, Ausstrahlung und Vielfalt. Das Meissner Porzellan ist bis heute in aller Munde, aber Meissen ist der Kopf und Thüringen das Herz des Deutschen Porzellans. Heute fehlt es an einer industriekulturellen Gesamtsicht und Wertschätzung all dieser früheren Aktivitäten und regionalen Geflechte/Netzwerke. Immer noch wird der Einzelschaffende, der einzelne Betrieb, das einzelne Produkt gesehen und museal eingeordnet - es fehlt der Blick über das eigene Terrain hinaus.
Industrie und Industriekultur sind da eher ungeliebte Themen; es fehlt an Methoden, Wissen und qualifizierten Personal, diesen Schatz zu erfassen, zu bewerten, zu vergleichen und produktiv nutzbar zu machen. In den letzten 35 Jahren gab es zwar den politischen Willen, Standorte und damit Arbeitsplätze zu sichern, wenngleich nur von meist kurzfristigem Erfolg. Es fehlte das Bewusstsein, eine solche regional dominierende und identitätsstiftende Branche unter den neuen Bedingungen übergreifend zu begleiten bzw. das Erbe zu sichern und zu bewahren. Die Kultur der Ausplünderung ganzer Betriebe vor und nach Insolvenzen war gang und gäbe. Der Staat mit seinen Ministerien und Förderinstrumenten stand dieser Form der Deindustrialisierung im Bereich der Porzellan- und Glasindustrie mehr oder weniger hilflos gegenüber.
Er versagte nahezu gänzlich als Hüter und Förderer einer landesspezifischen Industriekultur. Die Staats- und Wirtschaftsarchive konnten nur noch an der "Abfallrampe" stehen. Industrieverwertungsgesellschaften verschleuderten nach Angebot und Nachfrage.
Von den mehr als 20 Porzellanbetrieben Ende 1989 in den damaligen DDR-Bezirken Gera, Erfurt und Suhl sind heute noch 4 aktive Unternehmen tätig (berücksichtigt wurden nur Standorte/Betriebe mit dem vollen Produktionsprofil!):
Damit ist eigentlich der kritische Punkt erreicht, wo man nicht mehr von einer Branche sprechen kann, sondern nur noch von Einzelstandorten. Umso mehr haben sie all unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient - sind sie doch die lebendigen Zeugen einer großen Vergangenheit und "Leuchttürme" der Hoffnung und des Fortbestandes. Besondere Hoffnungsträger sind auch die Ansiedlungen von jungen Hochschulabsolventen (vor allem aus Halle und Weimar) in den letzten beiden Jahrzehnten. Ihre Porzellanstudios sind Teil eines hoffnungsvollen Aufbruches und Neubeginns! Vor allem aber braucht es auf der Ebene des Freistaates Thüringen Initiativen und Orte der Sicherung, Bewahrung, Dokumentation und Pflege des manufakturellen bzw. industriellen Erbes, spezieller Fähigkeiten, Fertigkeiten ehemaliger Beschäftigter. Letzte Zeitzeugen, Zeitzeugnisse sind zu befragen und zu sichern. Ernster Handlungsbedarf besteht auch auf Grund des Lebensalters (80+) der meisten Porzelliner. Kein Museum, als Einzelinstitution, ist zu einer solchen komplexen Arbeit heute in der Lage.
Es braucht dringend eine landesweite, industriekulturelle Strategie sowie ein Verantwortungsbewusstsein bezogen auf die Porzellankultur des Freistaates. Deshalb ist es mehr als dringend geboten, eine landespolitische und industriekulturelle Initiative zu starten zur Sicherung/Rettung, Konservierung, Dokumentation und Vermittlung/Erforschung relevanter Zeugnisse der Fertigungskultur des Thüringer Porzellans.
Da es im Freistaat Thüringen keine übergeordneten Strukturen gibt bzw. verantwortliche Institutionen existieren, hat sich im Sinne zukünftiger, fachlicher Zusammenarbeit und Koordinierung ein Expertenteam erstmals am 23. Januar im Alten Rathaus von Rudolstadt zusammengefunden und darüber beraten, wie eine solche Gruppe sich formieren, dann fachwissenschaftliche Beratung anbieten und später Projekte betreuen kann. Auf Initiative von Prof. Kittel, ehemaliger Professor an der Kunsthochschule Halle - Burg Giebichenstein, trafen sich verschiedenste Akteure aus den Bereichen Industriekultur, Museen, Vereinen, dem Thüringer Museumsverband sowie von "Bürgerforschern". Der Anfang mit dieser Rudolstädter Initiative ist gemacht, nun steht die Aufgabe, diesen Expertenrat weiter inhaltlich zu strukturieren und als öffentlich wahrnehmbare Körperschaft aufzustellen, um schließlich seine Ziele auch in Taten umsetzen zu können!
