Als Günther Victor im Januar 1890 die Regierung in Schwarzburg-Rudolstadt übernahm, war dieser Weg für ihn nicht vorgesehen. Er stammte aus einer Seitenlinie des Hauses und hatte seine Laufbahn beim Militär gesucht. Am Ende seiner Herrschaft sollte er jedoch als letzter deutscher Bundesfürst Geschichte schreiben.
Vom Offizier zum Regenten
Günther Victor wurde 1852 in Rudolstadt geboren, besuchte das Vitzthumsche Gymnasium in Dresden und wurde auf den Offiziersberuf vorbereitet. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 diente er als Kavallerist. Danach studierte er in Leipzig Rechts- und Staatswissenschaften sowie Kunstgeschichte, kehrte aber bald in den preußischen Militärdienst zurück.
Der Tod des kinderlosen Fürsten Georg Albert änderte 1890 alles. Günther Victor wurde Landesherr von Schwarzburg-Rudolstadt. Repräsentation lag ihm wenig: Zeitgenössische Berichte beschreiben ihn als öffentlichkeitsscheu und dem Hofzeremoniell abgeneigt. Viele Regierungsgeschäfte überließ er seiner Ministerialbürokratie und hielt sich häufig auf Schloss Schwarzburg oder dem Jagdsitz Rathsfeld auf.
Monarchie mit roter Mehrheit
Unter diesem zurückhaltenden Fürsten entwickelte sich Schwarzburg-Rudolstadt politisch zu einem Sonderfall im Kaiserreich. Das liberale Wahlrecht verschaffte der Sozialdemokratie früh großen Einfluss. 1911 gewann die SPD neun der 16 Sitze im Landtag – erstmals verfügte sie damit in einem deutschen Landesparlament über die absolute Mehrheit.
Konservative Kreise im Reich sahen darin eine Gefahr für die Monarchie. In Rudolstadt blieb die Lage dennoch ruhig. Die sozialdemokratische Mehrheit agierte pragmatisch, Günther Victor und seine Regierung verzichteten auf offene Konfrontation. So entstand eine nüchterne Zusammenarbeit zwischen Monarchie und sozialdemokratisch dominierter Volksvertretung.
Zwei Länder, ein Fürst
1909 übernahm Günther Victor nach dem Tod des kinderlosen Fürsten Karl Günther auch die Regentschaft in Schwarzburg-Sondershausen und führte den Titel „Fürst zu Schwarzburg“. Beide Fürstentümer blieben eigenständige Staaten mit eigenen Verfassungen, Haushalten und Parlamenten.
Privat blieb die dynastische Zukunft ungelöst. Günther Victor hatte 1891 Prinzessin Anna Luise von Schönburg-Waldenburg geheiratet; die Ehe blieb kinderlos. Die Nachfolge sollte Prinz Sizzo übernehmen, doch zwischen beiden entwickelte sich ein erbitterter Hausstreit.
Das Ende einer Epoche
Im November 1918 erreichte die Revolution auch die schwarzburgischen Fürstentümer. Am 23. November verzichtete Günther Victor auf den Thron in Schwarzburg-Rudolstadt, am 25. November folgte Schwarzburg-Sondershausen. Damit war er der letzte deutsche Bundesfürst, der seine Regierungsgeschäfte niederlegte.
Aus den Fürstentümern wurden Freistaaten, die 1920 im neuen Land Thüringen aufgingen. Günther Victor starb 1925 auf Schloss Sondershausen und wurde in der Fürstengruft der Stadtkirche St. Andreas in Rudolstadt beigesetzt.
Seine Regierungszeit steht für den Übergang vom monarchischen Kleinstaat zur parlamentarischen Demokratie. Dass dieser Wandel in Schwarzburg-Rudolstadt vergleichsweise friedlich verlief, hängt auch mit einem Fürsten zusammen, der Macht besaß, sie aber selten demonstrativ ausspielte.
