Manchmal erzählt eine Auszeichnung mehr über eine Stadt als über diejenigen, die sie erhalten. Als der Rudolstädter Magistrat am 17. März 1856 Heinrich Adalbert Freiherr von Gleichen-Rußwurm und seine Ehefrau Emilie zu Ehrenbürgern ernannte, ehrte er nicht in erster Linie politische Leistungen, wirtschaftlichen Erfolg oder ein langjähriges kommunales Amt. Gewürdigt wurden die engen familiären Verbindungen der Familien von Gleichen-Rußwurm und Schiller mit Rudolstadt. Damit machte die Stadt zugleich deutlich, welchen Platz sie selbst in der Geschichte Friedrich Schillers und der deutschen Klassik für sich beanspruchte.
Dass diesmal zwei Menschen gemeinsam den „Kopf der Woche“ bilden, passt deshalb besonders gut. Denn auch ihre Geschichte lässt sich kaum voneinander trennen. Emilie und Adalbert von Gleichen-Rußwurm verband nicht nur ihre Ehe. Beide standen auf unterschiedliche Weise für die Bewahrung eines kulturellen Erbes, das bis heute eng mit Rudolstadt verbunden ist.
Emilie Friederike Henriette von Schiller wurde am 25. Juli 1804 in Jena geboren. Sie war das jüngste Kind Friedrich Schillers und seiner Frau Charlotte, geborene von Lengefeld. Ihren berühmten Vater konnte sie kaum kennenlernen: Friedrich Schiller starb bereits im Mai 1805, noch bevor seine Tochter ihr erstes Lebensjahr vollendet hatte. Die Erinnerung an ihn wurde Emilie deshalb vor allem durch ihre Familie vermittelt – durch ihre Mutter Charlotte und ihre Tante Caroline von Wolzogen. Aus dieser familiären Erinnerung erwuchs später eine Aufgabe, der sie einen großen Teil ihres Lebens widmete: dem Sammeln, Ordnen und Herausgeben des literarischen Nachlasses ihres Vaters.
Ihr späterer Ehemann Heinrich Adalbert von Gleichen-Rußwurm war mit der Familie Schiller schon verbunden, bevor die beiden ein Paar wurden. Er wurde am 28. November 1803 geboren und entstammte einem thüringisch-fränkischen Adelsgeschlecht. Friedrich Schiller selbst übernahm die Taufpatenschaft für den Jungen. Rund 25 Jahre später wurde aus dieser Verbindung eine familiäre: Im Juli 1828 heirateten Adalbert und Emilie in Etzelbach.
Der gemeinsame Lebensmittelpunkt des Ehepaares wurde Schloss Greifenstein in Unterfranken. Und gerade dort begann etwas, das weit über die private Erinnerung einer Tochter an ihren Vater hinausging. Emilie erschloss Briefe, Tagebücher und andere Dokumente aus Schillers Nachlass und machte sie einer größeren Öffentlichkeit zugänglich. Gemeinsam mit ihrem Mann entstand auf Greifenstein ein privates Archiv, in dem Autografen gesammelt, Handschriften geprüft und Quellen geordnet wurden. Das Haus entwickelte sich damit zu einem wichtigen Ort der Schiller-Forschung und der wachsenden Schiller-Verehrung des 19. Jahrhunderts
Für Rudolstadt war diese Arbeit von besonderem Interesse. Denn wer sich mit Schillers persönlichem Leben beschäftigte, stieß zwangsläufig auf die Stadt an der Saale.
Im Sommer 1788 hatte Schiller entscheidende Monate in Volkstedt und Rudolstadt verbracht. Hier vertiefte sich seine Beziehung zu Charlotte von Lengefeld, Emilies späterer Mutter. Hier bewegte er sich im Kreis der Familie Lengefeld. Und hier kam es am 7. September 1788 im Hause Lengefeld zur ersten persönlichen Begegnung zwischen Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. Rudolstadt war damit nicht bloß eine Station auf Schillers Lebensweg. Die Stadt war Schauplatz einer persönlichen und literaturgeschichtlichen Entwicklung, deren Bedeutung erst in den folgenden Jahrzehnten immer deutlicher erkannt wurde.
1856 rückte diese Rudolstädter Geschichte noch einmal besonders ins Licht. In diesem Jahr veröffentlichte Emilie von Gleichen-Rußwurm den zweibändigen „Briefwechsel von Schiller und Lotte 1788–1789“. Die privaten Briefe aus der Zeit der Annäherung zwischen Friedrich Schiller und Charlotte von Lengefeld machten zugleich die Landschaft und die Orte ihrer gemeinsamen Geschichte sichtbar. Rudolstadt und das Saaltal wurden damit für ein großes Publikum zu Schauplätzen der deutschen Literaturgeschichte. Die Ehrenbürgerwürde für Emilie und ihren Mann war deshalb nicht nur Ausdruck familiärer Verbundenheit, sondern zugleich eine Anerkennung dieser Erinnerungsarbeit.
Dabei war die Verbindung zwischen den Familien Schiller und Lengefeld und der Residenzstadt nie abgerissen. Charlottes Mutter Louise von Lengefeld war als Hofmeisterin auf Schloss Heidecksburg tätig. Bei Emilies Taufe übernahm sogar die regierende Fürstin Caroline von Schwarzburg-Rudolstadt eine Patenschaft. Auch Emilies Schwester Caroline blieb der Stadt verbunden und wirkte zeitweise in Rudolstadt. Als Emilie und Adalbert 1856 zu Ehrenbürgern der Stadt Rudolstadt ernannt wurden, griff der Magistrat also auf ein Beziehungsgeflecht zurück, das über mehrere Generationen gewachsen war.
Gerade deshalb besitzt die Ehrung eine interessante zweite Ebene. Rudolstadt ehrte zwei Menschen – aber zugleich erzählte die Stadt damit eine Geschichte über sich selbst.
Im 19. Jahrhundert begann vielerorts die intensive öffentliche Erinnerung an die großen Dichter der Klassik. Denkmäler wurden errichtet, Jubiläen gefeiert, Erinnerungsorte geschaffen. Rudolstadt musste seine Verbindung zu Schiller jedoch nicht erst erfinden. Sie war vorhanden: in den Häusern der Stadt, in den familiären Beziehungen, in Briefen und persönlichen Erinnerungen. Mit der Ehrenbürgerwürde für Emilie und Adalbert von Gleichen-Rußwurm wurde diese Verbindung gewissermaßen offiziell.
Bemerkenswert ist dabei auch der Zeitpunkt. Nur wenige Wochen nach dem Ehepaar wurde im April 1856 der bedeutende schwarzburgische Staatsminister Jacob Hermann von Bertrab Ehrenbürger der Stadt. Spätere Ehrungen galten Persönlichkeiten wie Anton Sommer, Robert Wächter oder Henriette Ernestine von Holleben. Die Aufnahme Emilies und Adalberts in diesen Kreis zeigt, welchen Stellenwert Rudolstadt schon damals seiner kulturellen Geschichte beimaß.
Emilie selbst setzte ihre Arbeit am Nachlass ihres Vaters über viele Jahre fort. Selbst gesundheitliche Einschränkungen und eine zunehmende Erblindung hielten sie nicht davon ab. Sie starb am 25. November 1872 auf Schloss Greifenstein. Adalbert überlebte seine Frau um fast 15 Jahre und starb am 26. Juli 1887. Ihr kulturelles Erbe setzte sich auch in den folgenden Generationen fort: Ihr Sohn Ludwig wurde Landschaftsmaler, ihr Enkel Alexander von Gleichen-Rußwurm Schriftsteller und Kulturhistoriker.
Aus dem privaten Bewahren einer Familie wurde so über Generationen öffentliche Erinnerung.
Und darin liegt vielleicht die schönste Verbindung zu Rudolstadt. Die Stadt bezeichnet sich heute selbstverständlich als Schillerstadt. Hinter diesem Namen stehen aber nicht nur die berühmten Monate des Jahres 1788 oder die Begegnung von Goethe und Schiller. Dazu gehören auch jene Menschen, die dafür sorgten, dass Briefe erhalten, Geschichten weitergegeben und Zusammenhänge sichtbar blieben.
Emilie und Adalbert von Gleichen-Rußwurm waren solche Menschen.
Dass Rudolstadt sie bereits 1856 gemeinsam zu Ehrenbürgern machte, war deshalb mehr als eine höfliche Geste gegenüber einer prominenten Familie. Es war ein frühes Bekenntnis zu einem Teil der eigenen Geschichte.
