Ende September 2025 reiste eine Delegation von rund 50 Rudolstädtern in unsere Partnerstadt Letterkenny, Irland. Ich war einer dieser Rudolstädter. Als Fotograf war ich begeistert von der Landschaft im County Donegal, aber auch von den Menschen, ihrer Offenheit und Herzlichkeit. In mir erwuchs bereits vor Ort der Wunsch, all das im Rahmen eines Bildband-Projektes festzuhalten.
Wieder in heimischen Ländern machte ich mich also an die Planung. Flug und Mietwagen waren schnell gebucht. Das Büro unseres Bürgermeisters half mit ein paar Kontakten vor Ort aus. Meine Ansprechpartner waren Jimmy Kavangh, der die Städtepartnerschaft 2017 ins Rollen brachte, und Anne Nichols, die ich auf meiner Reise im September kennenlernen durfte. Beide fanden das Projekt toll und unterstützten mich bei der Planung, wo sie nur konnten.
So begab es sich, dass ich an einem Freitagmittag Ende Februar bei gutem irischem Wetter – es war zwar bedeckt, aber regnete nicht – auf dem Flughafen Dublin ankam. In meiner Hand den Schlüssel meines Mietwagens, trennten mich noch rund 300 Kilometer von meinem Ziel. 300 Kilometer mit dem Lenkrad auf der „falschen“ Seite und im Linksverkehr – ein wenig aufgeregt war ich schon. Das Fahrgefühl würde ich letztlich als „ungewohnt“ bezeichnen, aber immerhin kam ich unfallfrei in Letterkenny an.
Dank einer kryptischen Zahlen-Buchstabenkombination, dem irischen Postcode, war meine Unterkunft für die nächsten Tage schnell gefunden. Anne hatte mich eingeladen, bei ihr zu wohnen – die irische Gastfreundschaft ist definitiv etwas ganz Besonderes. Als ich ankam, wartete sie schon im Eingang ihres Hauses.
Nach einer herzlichen Begrüßung saß ich auch gleich am Küchentisch. „Tea or coffee?“ – eine Frage, die man in Irland rund um die Uhr hört. Ich entschied mich für Tee. Nachdem der auf dem Tisch stand, war auch schnell für das Diner eingedeckt, es gab hausgemachten Irish-Stew. Nach dem Essen verlagerte sich das Ganze ins Wohnzimmer. Inzwischen war Magret eingetroffen, um mich ebenso zu begrüßen. Wir kannten uns auch vom ersten Besuch im September, trafen uns damals aber nur für wenige Stunden in Rose’s Pub. Das Wiedersehen lief so herzlich ab, als hätten wir bereits unser halbes Leben miteinander verbracht. Am Kamin bei einem guten Glas Wein wurde es gemütlich und es dauerte nicht lang, bis die Gitarre reihum ging. Von Geselligkeit verstehen die Iren etwas.
Die kommenden Tage waren ein „wilder Ritt“. Es waren viele Termine geplant, schließlich wollte ich für mein Projekt Menschen kennenlernen und auch fotografieren. Von morgens bis abends war ich voll „ausgebucht“ - ein Briefing mit Jimmy, der Besuch eines Gaelic Football Matches, ein Trip mit John Joe zum Fanad-Light-House, die Besuche bei interessanten Menschen aus Letterkenny, Diner in der Nachbarschaft oder bei Freunden, Pubbesuche, es gab immer etwas zu tun und natürlich viel Musik.
Was ich recht schnell lernen musste: In Irland nimmt man es mit den Zeiten nicht so genau. Zum Termin um 10:30 Uhr ist man durchaus auch noch zwanzig Minuten später pünktlich. Geht es irgendwo länger, wird schnell umgeplant - der Ire ist flexibel, was Zeiten anbelangt. Aber auch das hat seinen Charme. Und so konnte ich mich treiben lassen und mich auf meine Arbeit konzentrieren.
Es gibt Momente im Leben, in denen ein Mensch oder eine Erfahrung ein Gefühl der Resonanz in uns erzeugt. Einen solchen Moment durfte ich bei meinem ersten Besuch im September im Glenveagh National Park erleben. Dort allein zu stehen, in dieser weiten rauen und wunderschönen Landschaft, Wind und Regen im Gesicht, all das ging mir nahe - ein Gänsehautmoment. Irgendwie hatte ich das Gefühl, einfach nur zu sein und mir traten Tränen in die Augen. Die Landschaft hatte mich zutiefst berührt. So intensiv hatte ich das selten zuvor erlebt. Wohl auch einer der Gründe, warum ich mich entschied, das Bildband-Projekt zu starten.
Einen solchen Moment durfte ich auf dieser Reise auch ein zweites und ein drittes Mal erleben. Anne hatte mich am Sonntagmorgen eingeladen, sie in die Kathedrale von Letterkenny zu begleiten. Der irische Chor gab dort im Rahmen der Messe ein kleines Konzert. Ich wohnte den Proben bei und fotografierte ein paar dokumentarische Aufnahmen. Der Chor probte wunderbare Irish-Traditionals, natürlich auf Irisch. Als ich dann der Messe folgte und im zweiten Lied die Tin-Whistle einsetzte, da war es wieder da, dieses Gefühl. Chorstimmen, Flöte und Klavier getragen vom natürlichen Hall des beeindruckenden Bauwerkes, das hatte Charakter. Und wieder traten mir Tränen in die Augen.
Auch meine Wanderung auf den höchsten Berg des County Donegal, den Mount Errigal, war ein besonderes Erlebnis. Etwas, was ich nur jedem Besucher ans Herz legen kann. Die Aussicht bei gutem Wetter ist atemberaubend. Schon die Anfahrt ist sensationell.
Von Letterkenny kommend, wandelt sich die Landschaft, keine Zivilisation, nur weite Heidelandschaft vereinzelt mit kleinen Felsen, jetzt Anfang März in eine Vielzahl von Gelb- und Brauntönen gehüllt. In der Ferne erhebt sich die Hochebene des Muckish Mountain, dessen Silhouette unverkennbar ist. Hier und da finden sich kleinere Seen. Wären diese Seen nicht, könnte man sich auch in der Wüstenlandschaft Nevadas in den USA wähnen. Folgt man der Straße südwestlich, ragt dann der Errigal wie ein gewaltiger Kegel aus der Landschaft.
Sonnenschein und blauer Himmel hatten nicht nur mich, sondern auch eine Menge anderer Wanderfans hierher gelockt. Auf- und Abstieg auf den gut hergerichteten Wegen beanspruchten laut meiner Wanderapp nur rund eineinhalb Stunden Gehzeit. Insgesamt war ich jedoch gut vier Stunden unterwegs. Klar machte ich viele Fotos. Aber ich traf eben auch viele Wanderer. Anders als in der Heimat ringen diese sich nicht nur ein trockenes, zerknirschtes „Morgen“ ab. Die meisten grüßen freundlich mit „Hello, how are you?“ oder „What’s the going?“. Viele nehmen sich auch Zeit für ein Gespräch - vor allem dann, wenn sie merken, dass der, der antwortet, keinen einheimischen Akzent hat. Egal, ob Wetter, Landschaft oder vierbeiniger Begleiter, ein Gesprächsaufhänger findet sich immer. Und so traf ich unter anderem eine Frau, die schon den Sohn unseres Bürgermeisters beherbergt hatte. Wie klein doch unsere Welt ist.
In meinem Buch „Heimat – vom Gefühl innerer Verbundenheit“ schrieb ich darüber, dass es die Menschen sind, die Begegnungen, aber auch unsere Erfahrungen, die unser Bild von Heimat entstehen lassen. Nicht dass ich Letterkenny und seine Menschen nach diesen wenigen Tagen als ein Stück Heimat bezeichnen würde. Aber man merkt sehr deutlich, wie diese Prozesse wirken, wie aus etwas Fremdem etwas Vertrautes wird. Und so wird es Tag für Tag nicht nur einfacher, sich im Linksverkehr zurechtzufinden. Man bekommt auch ein sehr gutes Gefühl für das Leben in Irland. Und das umso mehr, wenn man jeden Tag in einer irischen Familie verbringt. Derartige Einblicke bekommt man in einem Urlaub in einem Hotel nicht. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Was die Iren insbesondere ausmacht, ist ihr unbestreitbarer Sinn für Tradition und ihre regionale Identität. Ob es nun die Sprache ist – viele der Menschen sprechen hier neben Englisch auch Irisch, beziehungsweise Gaelisch – der Sport – es gibt eine Menge eigener Sportarten, die es fast nur hier gibt, wie zum Beispiel Gaelic Football oder Hurling – oder die Musik. In allem spiegelt sich ihre Herkunft und Geschichte wider. Man ist stolz, Ire zu sein.
Höhepunkt meiner Reise war ein Auftritt des Cór Ailigh Leitir Caenainn, des irischen Chores Letterkenny im Regional Cultural Center der Stadt am Freitagabend. Sehr traditionsbewusst singt man, wie bereits erwähnt, ausschließlich Irisch. Da meine Gastgeberin Anne die Leiterin des Chores ist, war ich recht herzlich eingeladen. Von meinen Qualitäten als Sänger überzeugt, hat sie mich auch gleich mit ins Programm eingeplant. So läuft das in Irland. Da darf man nicht kneifen.
Nach einer kurzen Vorstellung und übermittelten Grüßen aus der Partnerstadt Rudolstadt sang ich meinen Song „Alter Fluss“. Etwas aufgeregt war ich schon, denn immerhin spielte ich hier auf großer Bühne vor ausverkauftem Haus und irgendwie galt es ja auch, unseren guten Ruf als Rudolstädter aufrecht zu erhalten. Gut, dass ich ein paar Tage zuvor den Fotografen Declan Doherty kennenlernen und für mein Buch portraitieren durfte. Declan war auch anwesend, ich übergab ihm meine Kamera und so wurde auch mein Auftritt professionell festgehalten. Es war ein wunderbarer Abend mit traditioneller irischer Musik und Tanz und auch dieses Gefühl überkam mich hin und wieder. Bei diesen Menschen hier fühlte ich mich wohl. Zu meiner Überraschung wurde ich am Ende des Konzertes noch vom halben Saal zu meinem Auftritt beglückwünscht, offenbar hatte mein Gesang bei den Iren ins Schwarze getroffen. Das gelungene Konzert wurde traditionsgemäß mit allen Chormitgliedern im Pub beendet und es wurde spät.
Heute sitze ich hier und schreibe diese Zeilen, etwas wehmütig, dieses wunderbare Land schon wieder verlassen zu müssen. Aber bereits im Juli will ich mich wieder auf die Reise machen, um Freunde wiederzutreffen und neue Menschen kennenzulernen. Ich freue mich darauf.
