Der sonnig grüne Garten des Frommannschen Anwesens der Jenaer Universität. Während das Sommerfest des Philosophischen Instituts in einem Gewitter untergeht, nimmt der Roman von Anselm Oelze Fahrt auf. Für „Ana“ erhielt der 1986 in Erfurt geborene Autor am gestrigen Donnerstagabend das diesjährige Thüringer Literaturstipendium Harald Gerlach. Diesen Schauplatz – nicht nur bei Studierenden und Lehrenden der Universität als Erholungsoase in der Innenstadt beliebt – wählte Oelze dabei ganz bewusst. Bereits während der Recherche zu seinem Debütroman „Wallace“ zog er sich in den Garten des historischen Anwesens, in das schon Goethe ein und aus ging, zurück. „Noch heute übt der Ort eine besondere Magie auf mich aus“, so Oelze. Für die Geschichte der Philosophin Ana ließ Oelze sich von der US-amerikanischen Philosophin Agnes Callard inspirieren, die für die Beziehung zu einem Studenten ihre bis dato intakte Ehe aufgab. „Als ich mich aufgrund von Anas Geschichte immer mehr mit der Frage zu beschäftigen begann, was es mit dem Konzept der romantischen Liebe auf sich hat und was Liebe für die Romantikerinnen selbst bedeutete, war klar: Jena darf nicht nur Vorbild, sondern es muss ein Hauptschauplatz des Romans werden“, beschreibt der promovierte Philosoph Oelze.
Aus knapp 20 Bewerbungen wählte eine Fachjury Anselm Oelzes Vorhaben für das mit 12.000 Euro dotierte Jahresstipendium aus, das die Kulturstiftung Thüringen seit 2019 vergibt. Oelze habe sich, so Jurymitglied Jens Kirsten, in die deutsche Gegenwartsliteratur eingeschrieben: „Am Beispiel seiner Heldinnen und Helden verdichtet Anselm Oelze in seinen Romanen gesellschaftliche Umbrüche und Entwicklungen zu einem eindrucksvollen Porträt unserer Zeit.“
Thüringens Kulturminister Christian Tischner, der Anselm Oelze bei der Feier im Schillerhaus Rudolstadt die Urkunde persönlich überreichte, betont: „Literaturstipendien wie das Harald-Gerlach-Stipendium schaffen Freiräume für künstlerische Arbeit und sind eine wichtige Investition in die Zukunft unserer Thüringer Kulturlandschaft. Sie ermöglichen es Autorinnen und Autoren, neue literarische Perspektiven zu entwickeln und bereichern damit nachhaltig das kulturelle Leben in Thüringen.“
Für den Autor, der mittlerweile in Leipzig lebt, bedeutet das Stipendium Geld und Zeit zum Schreiben: „Auch wenn ich ähnlich wie Harald Gerlach Thüringen inzwischen verlassen habe, hoffe ich, dass ich mit dem neuen Roman etwas nach Thüringen werde zurückgeben können. Ein Ort der Inspiration ist und bleibt es für mich allemal.“
Neben dem Harald-Gerlach-Stipendium verlieh die Kulturstiftung Thüringen an dem Abend zehn weitere Arbeitsstipendien in den Bereichen Literatur und Tanz/Theater an Thüringer Künstlerinnen und Künstler. Die Arbeitsvorhaben reichen von der Entwicklung eines Theaterstücks über die Bratwurst von Lena Kolle über Performances von Thommy Neuwirth hin zu einem Jugendroman wie „Schöneekönigin“ von Anne Gallinat oder einem Comic von Olivia Vieweg.
Übersicht der Arbeitsstipendien für Literatur und Tanz/Theater:
| Martin Gobsch | Tanz/Theater | Mechanisches Puppenspiel für die Kinder- und Jugendbibliothek Erfurt |
| Tommy Neuwirth | Tanz/Theater | SCHIEFER |
| Lena Kolle | Tanz/Theater | Das Theaterstück über die Bratwurst |
| Anke Heelemann | Tanz/Theater | Mapping des Unsichtbaren (AT) – Recherche für die Inszenierung einer performativen Stadterkundung |
| René Müller-Ferchland | Literatur | Hinter der blauen Tür |
| Anke Engelmann | Literatur | Mütterland und Mieze Schindler |
| Mario Osterland | Literatur | Stollmann (AT) |
| Olivia Vieweg | Literatur | Von Weimar in den Vatikan – Gottlos Pilgern |
| Anne Gallinat | Literatur | Schneekönigin (Jugendbuch) |
| Olaf Trunschke | Literatur | Die Mondsüchtigen |
