Am gestrigen 27. Januar 2026 versammelten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger am Mahnmal am Platz der Opfer des Faschismus in Rudolstadt, um der Millionen Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Die traditionelle Gedenkstunde, die jährlich von der Stadt Rudolstadt in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche ausgerichtet wird, stand in diesem Jahr im Zeichen einer ungeschönten Auseinandersetzung mit der Geschichte und einer eindringlichen Mahnung zur Zivilcourage.
Pfarrer Christian Sparsbrod aus Saalfeld gestaltete die Veranstaltung in diesem Jahr erstmals mit und sprach die Worte der evangelischen Kirche. In seinen Ausführungen riet er eindringlich dazu, „wachsam zu bleiben“ und den Blick vor Unrecht nicht zu verschließen. Am Rande der Veranstaltung betonte Sparsbrod, dass es ihm ein großes persönliches Anliegen gewesen sei, dieses Gedenken aktiv zu unterstützen.
Bürgermeister Jörg Reichl unterstrich in seiner bewegenden Rede die Notwendigkeit, sich der „ganzen, ungeschönten Wahrheit“ zu stellen. Er schlug dabei einen Bogen von der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 bis hin zur spezifischen Aufarbeitung in Ostdeutschland. Reichl mahnte, dass die industrielle Vernichtung kein Naturereignis war, sondern ein „bürokratisches Meisterwerk des Grauens“, das dort begann, wo Nachbarn wegschauten.
Besonders deutlich wurde der Bürgermeister mit Blick auf die aktuelle politische Lage:
„Demokratie braucht ein Gedächtnis, das auch weh tut. Wir blicken auf eine politische Landschaft, in der die Grenzen des Sagbaren mit brachialer Gewalt verschoben werden. Wer die Geschichte umschreiben will, bereitet den Boden für neue Taten.“
Er appellierte an die Anwesenden, die „Brandmauer in den Köpfen“ zu aktivieren, wenn Hass gegen Minderheiten laut ausgesprochen wird. Das Gedenken dürfe kein Lippenbekenntnis sein, sondern müsse sich im Alltag beweisen: „Widersprechen Sie dem Hass am Stammtisch, im Internet, in der Schlange beim Bäcker“.
Die musikalische Umrahmung der Gedenkstunde übernahm auch in diesem Jahr der Posaunenchor Rudolstadt, der mit seinen einfühlsamen Beiträgen den würdigen Rahmen für das stille Erinnern schuf. Zum Abschluss der Veranstaltung legten Vertreterinnen und Vertreter der Stadtratsfraktionen und weiterer Institutionen Kränze am Mahnmal nieder, um ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.
Die Stadt Rudolstadt bedankt sich bei allen Mitwirkenden und Bürgern, die durch ihre Teilnahme bewiesen haben, dass „Nie wieder“ in unserer Stadt eine lebendige Verpflichtung bleibt.
